— — —: —
118 VI. A. Innere Politik und Kriegführung bis zur Revolution von oben.
Kriege auch gegen den Willen der Regierung ein Ende zu machen! Wer aber
nicht die ganze Kriegszeit verschlafen hat, der kann über die Absicht der feindlichen
Regierungen nicht mehr im Zweifel sein. Nach dem Hohn, mit dem man
von drüben das deutsche Friedensangebot') beantwortet hat, nach der Veröffentlichung
des ganzen Annexionsprogramms“"") der Entente, bedarf es keines Wortes
mehr darüber. Das deutsche Volk kämpft in der Tat nur um das Recht, seinen
70 Millionen auch künftig im eigenen Lande ausreichende Nahrung bieten zu
können. Und diese Millionen sind nicht nur Kommerzienräte, Großindustrielle
und Großbauern — ihre Masse bildet das werktätige Volk in Fabrik und Werkstatt,
in Gruben, auf dem Bauplatz und auf dem Acker. Um deren Zukunft wird
heute ebenso gekämpft, wie um die Gewinne des Großkapitals. Für das Schicksal
dieser Massen fühlt die Partei sich mitverantwortlich.
„. . Die Zeit ist nahe, die uns in Staat und Gesellschaft mehr Raum und
Recht geben, die endlich die Kämpfe einer schon dahingegangenen Proletariergeueration
belohnen wird! So standen wir im Juli 1914.
„Da erhoben sich die größten und stärksten Mächte der Erde, um Deutschland
politisch zu demütigen, wirtschaftlich hinabzustoßen. Damit stand unser eigenes
Werk, stand unsere eigene Zukunft auf dem Spiel. Da trat die deutsche Sozialdemokratie
nicht beiseite, um den Dingen ihren Lauf zu lassen, sondern sie stellte
sich schützend vor das Land, das ihre eigenen Werke und ihre eigenen Zukunftshoffnungen
barg. Sie hatte genug geschichtlichen Sinn und politische Schulung,
um zu wissen, daß mit der politischen und wirtschastlichen Machtstellung
Deutschlands auch der deutsche Sozialismus zusammenbrechen müßte — für sie
erhielt die allgemeine Parole: für das bedrohte Vaterland! den besonderen Sinn:
für den deutschen Sozialismus!“
Die Auszüge sind in einem solchen Umfange wiedergegeben,
um die Gedanken der deutschen Sozialdemokratie in den ersten
Kriegsjahren — bis zum Frühjahr 1917 — in dem, was gesagt und
nicht gesagt wurde, verstehen zu lassen. Es geht daraus einwandfrei
hervor, daß die Führer der deutschen sozialdemokratischen Arbeiter
damals der Ansicht waren, der Krieg werde für den deutschen
Arbeiter geführt. Sie erkannten aber nicht die großen machtpolitischen
Zusammenhänge des Völker= und Volkslebens mit dem Wirtschaftsleben.
Sie fühlten sich auch nicht als Deutsche, die für die
deutsche Volksgemeinschaft einzutreten hätten, sondern allein als
klassenbeewußte Arbeiter, als sozialdemokratische Genossen, denen es
nur um ihre sozialdemokratische Welt ging. Ihre Weltanschauung
lief hinaus auf die wirtschaftliche Sicherstellung der „Arbeiterklasse"“
*) Vom 12. Dezember 1916.
**) Antwort der Entente auf die Note Wilsons vom 18. Dezember 1916.