Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Fünfundzwanzigster Jahrgang. 1884. (25)

Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Okt.  15—18.)  101

15.  Okt.  (Deutsches  Reich.)  Die  Nordd.  Allg.  Ztg.,  das
Organ  des  Reichskanzlers,  spricht  sich  endlich  klar  und  rückhaltlos
dafür  aus,  daß  die  Konservativen  schon  in  der  jetzigen  Wahlbewegung
  für  die  bevorstehenden  allgemeinen  Reichstagswahlen  die  Möglichkeit
  eines  Zusammenwirkens  mit  denjenigen  Liberalen,  die  auf
dem  Boden  des  Heidelberger  Programms  ständen,  in  ernste  Aussicht
  nehmen  möchten.

15.  Okt.  (Deutsches  Reich.)  Die  deutschen  Firmen,  welche
im  Golf  von  Guinea  Handel  treiben  und  Niederlassungen  besitzen,
bilden  in  Hamburg  ein  „Syndikat  für  Westafrika“,  um  ein  gemeinsames
  Organ  zum  Verkehr  mit  der  Reichsregierung  zu  schaffen.

Mitte  Okt.  (Deutsches  Reich.)  Die  Landesverteidigungs-Kommission,
  welche  von  Zeit  zu  Zeit  unter  dem  Präsidium  des
Kronprinzen  tagt  und  welcher  als  ständige  Mitglieder  der  Chef  des
Generalstabes  der  Armee,  der  General-Inspekteur  der  Artillerie,  der
Chef  des  Ingenieurkorps  und  in  Vertretung  des  Kriegsministers  der
Direktor  des  Allgemeinen  Kriegs-Departements  beiwohnen,  beschäftigt
sich  z.  Z.  eifrig  mit  dem  erweiterten  Umbau  der  Festung  Magdeburg.

Durch  eine  Verstärkung  der  äußeren  Fortslinie  auf  den  vorliegenden
Höhen  wird  Magdeburg  in  die  Reihe  der  Festungen  allerersten  Ranges  eintreten.
  Die  großartigen  Befestigungsanlagen  werden  dann  auch  den  größten
Binnenhafen  Deutschlands,  der  mit  einem  Kostenaufwand  von  8  Millionen

Mark  an  der  Elbe  bei  Magdeburg-Neustadt  hergestellt  wird,  in  sich  aufnehmen.
Die  alte  Zitadelle  dürfte  nach  Vollendung  der  neuen  Festungswerke  fallen.

Okt.  (Braunschweig.)  Herzog  Wilhelm,  der  letzte
Sproß  des  uralten  Stammes  der  Welfen  in  seiner  älteren  Linie,
starb mit  79  Jahre    auf  Schloß  Sybillenort  in  Schlesien.  Das  Herzogtum
  ist  damit  augenblicklich  ohne  Herrscher  und  die  längst  vorhergesehene
  schwierige  Erbfolgefrage  tritt  in  Wirklichkeit.  Der  zunächst
Erbberechtigte  wäre  unzweifelhaft  das  gegenwärtige  Haupt  der  jüngern
  welfischen  Linie,  Ernst  August,  Herzog  von  Cumberland,  der
auch  sofort  von  Österreich,  seinem  gegenwärtigen  Wohnsitze  aus,  Anstalten
  macht,  von  dem  erledigten  Throne  Besitz  zu  ergreifen.  Da  er
jedoch  als  Sohn  des  im  J.  1866  von  Preußen  depossedirten  Exkönigs
Georg  V.  von  Hannover  auch  auf  den  Thron  von  Hannover  Anspruch
  macht  und  seit  jenem  Jahre  mit  Preußen  noch  immer  in
einer  Art  stillem  Kriegszustande  lebt  und  das  Deutsche  Reich  seinerseits
  bisher  nicht  anerkannt  hat,  ist  er  anerkanntermaßen  vorerst
daran  rechtlich  und  faktisch  „behindert".  Der  Kaiser  trifft  daher
gegen  jede  mögliche  Störung  der  Ruhe  seine  Maßregeln  und  in
Braunschweig  selbst  konstituiert  sich,  gestützt  auf  ein  zwischen  dem