Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Dezember 7., 193
Die „Nordd. Allg. Ztg.“ veröffentlicht eine Liste von 13 französischen
Offizieren, die in einem Zeitraum von nicht ganz zwei Monaten, nämlich
vom 22. September bis 17. November, aus Deutschland ausgewiesen worden
sind. Sämtliche genannte Offiziere hatten angegeben, daß sie nach Deutschland
gekommen wären, um dort „Sprachstudien“ zu machen, und sämtliche,
mit einziger Ausnahme, hatten sich zu dem Zwecke in Sachsen, Hessen,
Bayern und in den Rheinprovinzen niedergelassen. Die „Nordd. Allg. Ztg.“
begleitet die Veröffentlichung dieser Liste nach mit folgenden Bemerkungen:
„Die französischen Offiziere, die wir namhaft gemacht haben, sind
keine Mythen; sie gehören ohne Ausnahme der aktiven Armee, dem 54., 67.,
144., 56., 63. und 85. Infanterieregiment, dem 31. Artillerieregiment, dem
Jägerbataillon, einer von ihnen, Herr Vittu de Kerraoul, dem Generalstabe
des 4. Korps an. Auch Oberst Stoffel ist neben diesen wissensdurstigen
Mitgliedern der Armee zu nennen, nur daß der ehemalige Militärattaché in
Berlin nicht seine gute Kenntnis des Deutschen auffrischen, sondern in der
Nähe der Grenze historische Studien über Cäsars Krieg gegen die Germanen
vornehmen wollte. Herr Oberst Stoffel und seine jüngeren Kameraden sind
höflichst gebeten worden, ihre Geschichts= und Sprachforschungen auf anderem
Boden anzustellen, als auf dem deutschen. Deutschen Offizieren in Frankreich
würde es unter ähnlichen Verhältnissen wie den Studenten in Belfort
ergangen sein, und sie würden von Glück zu sagen haben, wenn sie den
Wutausbrüchen des französischen Pöbels mit heiler Haut entgangen wären.
Französische Offiziere find, wie wir wissen, von maßgebender Seite darauf
aufmerksam gemacht worden, daß ihre Anwesenheit in Deutschland nicht erwünscht
ist. Wir hoffen, sie werden sich diesem berechtigten Wunsche in
Zukunft gefügiger zeigen, als dies seither geschehen ist."
7. Dezember. (Reichstag.) Fortsetzung der Generaldebatte
über das Alters= und Invalidenversicherungsgesetz.
Der Vertreter der nationalliberalen Partei, Abg. Dr. Buhl, stellt
sich im großen Ganzen auf denselben Standpunkt, welchen Staatssekretär
v. Bötticher vertreten, indem er das beste für die Vorlage aus den Beratungen
der für dieselbe zu wählenden Spezialkommission erhofft. Völlig unberechtigt
sei es, den vorgelegten Entwurf als eine Art erweiterter Armenpflege
zu charakterisieren. In jedem Falle müsse das Gesetz zu Stande kommen,
es werde sicherlich zur Förderung des sozialen Friedens erheblich beitragen.
Abg. Hitze (Zentrum) schließt sich diesem Wunsche an, gibt aber zu, daß die
Vorlage in vieler Hinsicht verbesserungsfähig sei.
Abg. v. Helldorf (deutschkons.) ist der Ansicht, daß in den hauptsächlichsten
Punkten die Regierung das Richtige getroffen habe. Besonders sei
dies hinsichtlich der Verteilung der Lasten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern
der Fall. Abg. Schrader (freis.) erklärt, die Gesamtstellung der
deutsch-freisinnigen Partei dem Gesetzentwurf gegenüber behalte er sich bis zu
dem Zeitpunkte vor, wo derselbe seine schließliche Gestaltung werde erhalten
baben. Der Redner wandte sich gegen das Prinzip des Reichszuschusses und
berief sich in dieser Beziehung auf eine abfällige Äußerung des früheren
Abgeordneten und jetzigen badischen Gesandten Freiherrn v. Marschall. Auch
die Einrichtung des obligatorischen Quittungsbuches verwarf er und widersprach
dem Vorschlage der Reichsversicherungsanstalt, als auch der Berufsgenossenschaft
als Träger der Altersversicherung. Er resumiert sich schließlich
dahin, daß das Gesetz, statt den sozialen Frieden zu fördern, im Gegenteil
neue Unzufriedenheit nähren würde. Abg. Leuschner (Reichspartei)
nennt diese pessimistische Auffassung völlig unbegründet und deckt sich in seinen
Ausführungen im ganzen mit den gestrigen des Staatssekretär v. Bötticher.
Europ. Geschichtskalender. XXIX. Bd. 13