Metadata : Zur Vorgeschichte des Weltkrieges.

In  der  Ansicht,  daß  eine  so  große,  von  einem  eigenen  sitt—
lichen  Ideengehalt  erfüllte  Bewegung  im  Volke,  wie  die  sozialdemokratische,
  nicht  mit  Gewaltmaßregeln  zu  bekämpfen  sei,  folgte
der  vierte  Kanzler  den  Spuren  seiner  beiden  Vorgänger  und  sah
auch  wie  sie  das  beste  Heilmittel  für  ihre  Auswüchse  in  der  Sammlung
  der  bürgerlichen  Parteien.  Daß  er  nicht  tief  in  die  sozialistische
  Gedankenwelt  eingedrungen  ist,  beweist  ein  Satz  aus  seinem
Beitrag  „Deutsche  Politik“  zu  dem  Sammelwerke  „Deutschland
unter  Kaiser  Wilhelm  II.“,  der  lautet:  „Neid  ist  eine  Hauptwurzel
unserer  sozialdemokratischen  Bewegung.“  Infolgedessen  bewegten
sich  auch  seine  ersten  großen  Kanzlerreden  gegen  die  Sozialdemokratie
  im  alten  Geleise.  Ihre  starken  Erfolge  bei  allen  bürgerlichen
  Parteien  verdankten  sie  der  überlegenen  Ironie,  mit  der
er  den  sozialdemokratischen  Zukunftsstaat  behandelte.  Besonders
scharf  ging  er  gegen  Bebel  vor,  nachdem  der  Dresdener  Parteitag
(September  1903)  mit  der  Musterung  gegen  die  Revisionisten  und
Gemäßigten  (v.  Vollmar,  W.  Heine,  Göhre,  Bernstein)  reichen
Stoff  für  sarkastische  Bemerkungen  geliefert  hatte.  Dabei  hatte
Bülow  für  ehrliche  Hitzköpfe,  wie  Bebel,  volles  menschliches  Verständnis,
  wie  er  überhaupt  zwischen  dem  rein  Menschlichen  und
dem  Politischen  zu  unterscheiden  pflegte  und  jenes  nicht  von
diesem  erdrücken  ließ.  In  einem  Falle,  der  vor  dem  Dresdener
Parteitag  lag,  trafen  Menschlichkeit  und  Politik  zusammen.  Vertraulich
  hatte  ich  erfahren,  daß  Eduard  Bernstein  den  Wunsch  habe,
nach  langen  Jahren  des  Exils  in  Zürich,  wo  er  zur  Zeit  des
Sozialistengesetzes  den  „Sozialdemokraten“  redigierte,  und  später
als  freier  Schriftsteller  in  London,  wieder  in  die  Heimat  zurückzukehren.
  Bernstein  war  der  Theoretiker  des  Revisionismus:
„Das  Ziel  ist  nichts,  die  Entwicklung  ist  alles.“  Graf  Bülow
verfügte,  daß  sofort  alles  geschehe,  um  die  Heimkehr  des  einst  Verfemten
  zu  ermöglichen.

Die  Leitung  der  auswärtigen  Politik  behielt  Graf  Bülow
natürlich  in  der  Hand.  Aber  bei  der  sonstigen  überhäufung  mit
Arbeit  ergab  es  sich  von  selbst,  daß  er  Herrn  v.  Holstein,  der  die
genaueste  aktenmäßige  Kenntnis  der  internationalen  Lage  besaß,
einen  großen  Einfluß  einräumte,  namentlich  in  den  ersten  Jahren,
als  der  neue  Kanzler  von  der  inneren  Politik  stark  in  Anspruch

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