Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Erster Teil. (1)

Kriegsberichte:  Winterschlacht  in  Masuren

werden.  In  wiederholten  Angriffen  versuchte  dieser
sich  in  den  Besitz  der  befestigten  Stellungen  der  Deutschen
  zu  schen.  Trotzdem  er  hierzu  stets  an  Zahl
überlegene  Kräfte  aufbot,  wurden  alle  seine  Angriffe,
die  sich  mit  Vorliebe  gegen  den  Brückenkopf  von
Darkehmen  und  den  rechten  deutschen  Flügel  auf
den  Paprodtker  Bergen  richteten,  stets  abgeschlagen.
  Bis  zur  Brust  im  Wasser  durchwateten  am
ersten  Weihnachtsfeiertag  Teile  des  3.  sibirischen  Korps
das  Sumpfgelände  des  Nietlitzer  Bruchs.  Ihr
Angriff  wurde  ebenso  abgewiesen  wie  die  noch  im  Januar
  und  Februar  gegen  den  linken  deutschen  Flügel
versuchten  Offensivunternehmungen.

Anfangs  Februar  war  endlich  die  Zeit  gekommen,
  wo  frische  deutsche  Kräfte  verfügbar  wurden,
um  nach  dem  ostpreußischen  Kriegsschauplatz  gebracht
und  dort  zu  einer  umfassenden  Bewegunggegen
  die  Russen  eingesetzt  zu  werden.  Das  Her
dieser  Operation  war  neben  dem  in  erster  Linie  erstrebten
  Waffenerfolge  die  Säuberung  deutschen  Gebiets
  von  dem  russischen  Eindringling,  der  hier  schrecklich
  gehaust  hatte.

ohl  verschleiert  durch  die  deutschen  Stellungen
und  Grenzschutztruppen  und  sorgfältig  vorbereitet
vollzog  ch  in  den  ersten  Februartagen  hinter  den
beiden  deutschen  Flügeln  die  Verfammlung  der  zur
Offensive  bestimmten  Truppen.  Am  7.  Februar  trat
der  Südflügel  zum  Angriff  an,  etwas  später  setzte  sich
die  Nordgruppe  —  diese  aus  der  Gegend  von  Tilsit
—  in  Bewegung.  Die  Erde  war  mit  Schnee  bedeckt
und  scharf  durchfroren,  alle  Seen  waren  von  dickem
Eise  bedeckt.  Am  5.  Februar  war  außerdem  erneuter
Schneefall  eingetreten,  der  das  ganze  Gelände  mit
einer  außerordentlich  hohen  Schneedecke  überzog;  endlich
  setzte  unmittelbar  nach  diesem  Schneefalle  erneut
Frost  und  mit  ihm  ein  eisig  kalter  Wind  ein,  der  an
vielen  Stellen  zu  den  stärksten  Schneeverwehungen
führte  und  damit  den  Verkehr  auf  Bahnen  und  Straßen
  ganz  besonders  erschwerte,  ja  den  Kraftwagenbertehr
  gänzlich  ausschloß.  Die  deutsche  Führung
hatte  sich  aber  auf  die  besonderen  Schwierigkeiten  eines
Winterfeldzuges  wohl  vorbereitet.  Die  Truppen  waren
  mit  warmer  Bekleidung  ausgestattet.  Tausende
von  Schlitten,  Hunderttausende  von  Schlittenkufen
waren  bereitgestellt  worden.  Um  an  die  feindlichen
Hauptkräfte  heranjukommen,  batte  der  deutsche  Südflügel
  zuerst  die  40  km  tiese  Waldzone  des  Johannisburger
  Forstes  und  dann  den  Pisseck  zu
überschreiten,  der  den  Ausfluß  des  Spirdingsees  bildet
  und  auf  russischem  Gebiet  als  Pissa  dem  Narew
zustrebt,  in  den  er  zwischen  Lomza  und  Ostroleka
mündet.  Der  Feind  hatte  sowohl  im  Walde  seine
Verhaue  angelegt  als  auch  die  Pisseckübergänge  besetzt
und  befestigt.  In  Johannisburg  und  Bialla  lagerten
stärkere  zussische  Truppen.  In  einem  der  von  ihnen
besetzten  Orte  war  für  den  Sonntagabend!t  ein  Tanzfest
  angekündigt,  als  gerade  an  diesem  Tage  —  völlig
Üüberraschend  für  die  Truppen  sowohl  als  die  Führung
  —  die  deutsche  Offensive  einsetzte.

In  aller  Stille  brachen  sich  die  deutschen  Angriffs.
kolonnen  ihre  Bahn  und  gewannen  am  Nachmittag
Fühlung  mit  dem  Feind.  Die  jungen  Truppen  des
Generals  v.  Litzmann  erzwangen  sch  am  Nachmit-*
  und  in  der  Nacht  zum  8.  bei  Wrobeln  den
übergang  über  den  Pisseck.  Trotz  stark  verschneiter
  Wege  und  heftigen  Schneetreibens,  das  den

1  7.  Februar  1915.

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ganzen  Tag  anhielt  und  die  Bewegungen  erheblich
verzögerte,  haben  Teile  dieser  Truppen  an  diesem
Tage  40  km  zurückgelegt.  Die  kampferprobten  Truppen
  des  Generals  v.  Falck  waren  an  diesem  Tage
bis  dicht  an  Johannisburg  herangekommen  und  naßmen
  Snopken  im  Sturm,  wobei  dem  Feinde  die
ersten  Gefangenen  (2  Offiziere,  450  Mann)  und  zwei

aschinengewehre  abgenommen  wurden.  Amnächsten
Tage  setzten  die  deutschen  Truppen  den  Kampf  um  die
Gewinnung  des  Pisseckabschnittes  fort.  Die  südliche
Kolonne  des  Generals  v.  Litzmann  war  gerade  im
Begriffe,  bei  Gehsen  das  östliche  Flußufer  zu  betreten,
  als  sie  plötzlich  in  ihrer  rechten  Flanke  vom  Feind
angegriffen  wurde,  der  aus  Kolno  gekommen  war.
Sofort  wandten  sich  die  deutschen  Truppen  gegen
diesen  Gegner  und  warfen  ihn  wieder  dorthin  zurück,
woher  er  gekommen  war.  500  Gefangene,  5  Geschütze,
2  Maschinengewehre,  zahlreiche  Munitionswagen  und
sonstiges  Material  blieben  in  der  Hand  der  Deutschen,
während  die  Nachbarkolonne  an  diesem  Tage  bei
Wrobeln  300  Gefangene  machte  und  General  Falck
Johannisburg  erstürmte,  das  von  zwei  russischen
  Regimentern  verteidigt  wurde.  Hier  verlor
der  Feind  2500  Gefangene,  8  Geschütze  und  12  Maschinengewehre.


Die  Pissecklinie  war  am  8.  Februar  in  deutscher
Hand.  Am  9.  begann  der  Vormarsch  auf  Lyck.
Bialla  wurde  noch  an  diesen  Tagen  von  den  Russen
gesäuber  Wiederum  fielen  300  Russen  in  deutsche

efangenschaft.  Indessen  war  auch  der  Nordflügeh
nicht  müßig  geblieben.  Die  hier  zum  Angriff  besämmten
  Truppen  hatten  sich  zunächst  in  den  Besitz

er  befestigten  Stellung  des  russischen  rechten  Flügels
z  *½“  die  sich  von  Spullen  aus  zum  Schoreler
  Forst  und  von  dessen  Nordsaum  fast  bis  zur
russischen  Grenze  erstreckte.  Für  den  Angriff  gegen
diese  Stellungen,  die  mit  Drahthindernissen  wohl  versehen
  waren,  war  der  9.  Februar  in  Aussicht  genommen.
  Als  sich  aber  beim  Feinde  Anzeichen  rückgängiger
  Bewegungen  bemerkbar  machten,  schritten  die
ruppen,  obwohl  sie  zum  Teil  weder  über  ihre  Maschinengewehre
  noch  über  ihre  ganze  Artillerie  verfügten,
schon  am  Nachmittag  des  8.  grornar  zum  Angriff.
Am  9.  Februar  waren  die  feindlichen  Stellungen  genommen;
  der  Feind  ging  in  südöstlicher  Richtung  zurück.
  Die  deutschen  Truppen  folgten  in  Gewaltmärschen.
  Trotz  der  allergrößten  Schwierigkeiten,  die
diesen  Märschen  die  Naturgewalten  entgegenstellten,
erreichten  die  deutschen  Marschkolonnen  am  10.  die
Linie  Pillkallen  -Wiadyslawöw  und  am  11.  die
große  Straße  Gumbinnen-Wylkowyszki.  Der
rechte  Flügel  hatte  bis  zur  Einnahme  von  Stallupönen
  fast  4000  Gefangene  gemacht,  4  Maschinenewehre
  und  11  Munitionswagen  genommen.  Die
itte  zählte  bei  der  Wegnahme  von  Eydtkuhnen-
  Wirballen  und  Kibarty  10000  Gefangene,
6  genommene  Geschütze,  8  Maschinengewehre  und
erbeutete  außerdem  gafkrrcche  Bagagewagen  —  darunter
  allein  80  Feldküchen  —,  3  Militärzüge,  sonsties
  zahlreiches  rollendes  Material,  Massen  von  russishes
  Liebesgaben  und  —  was  die  Hauptsache  war,
einen  ganzen  Tagessatz  Verpflegung.  Beim  linken
Flügel  endlich  wurden  2100  Gefangene  gemacht  und
4  Geschütze  genommen.  Bis  zum  12.  Februar,  an
welchem  Tage  unsere  Truppen,  nunmehr  schon  ganz
auf  russischem  Boden,  Wizainy,  Kalwarija  und
Mariampol  besehten.  hatte  sich  die  Zahl  der  von
den  Truppen  des  Nordflügels  genommenen  Geschütze