484 Die ottomannische Pforte. (Juli 18. — Mitte.)
mindestens noch zwei oder drei Jahre lang ihre verderblichen Folgen äußern,
lähmend auf die Steuerkraft des Reiches einwirken und verhältnißmäßig bedeutende
Steuerrückstände hervorrusen werden. Dies in Betracht gezogen,
dürfte das Teficit nicht einmal mit der Ziffer von acht Millionen abgeschlossen
bleiben, sondern höchst wahrscheinlich eilf bis zwölf Mill. türkische
Pfund oder 250 bis 275 Millionen Francs betragen. Was aber eine solche
Ziffer für den türkischen Staatscredil bedeutet, liegt auf der Hand. Seil
mehr als zwanzig Jahren wiederholt sich das Deficit regelmäßig in der
türkischen Staatsrechnung, und da es A#naft nicht mehr möglich gewesen ist,
dasfelbe anders als immer durch die Aufnahme einer neuen Anleihe aus der
Welt zu schaffen, so sind die türkischen Staatsschulden nachgerade ins Ungeheuerliche
gewachsen und schon ist man auf dem Punkte angelangt, wo die
regelmäßigen Einnahmen nur noch zur Noth hrureichen, die
Zinsen dieser Schulden allein zu decken. Zur Befriedigung der Bedürfnisse
des Reiches selbst, zur Entlohnung der Beamten und zur Besoldung
der Armee, zur Bestreitung von Straßenbauten u. dgl. ist schon seit dem
Jahre 1866 niemals auch nur ein Piaster von den Staatseinnahmen übrig
eblieben. Wie lange kann sich unter solchen Verhältnissen noch Jemand in
Uropa finden, der dem „kranken Mann“ Geld vorstreckt und welche Sicherheiten
will dieser heute noch für neue Anleihen obicten? Wirklich geht in
Konstanlinopel bereits das Gerücht, daß die Regierung, außer Stande ein
neues Anlehen behufs Zahlung des nächsten fälligen Coupons der Staatsschuld
aufzubringen, ernstlich an eine Reduction der Zinsen derselben
denke. «
13. Juli. (Rumänien.) Beide Kammern genehmigen fast
einstimmig die mit Oesterreich abgeschlossene Handelsconvention, sowie
das Gesetz betr. die Aufnahme eines Anlehens zum Rückkauf
eines Theiles der rumänischen Eisenbahn.
Mitte Juli. (Herzegowina.) In der Herzegowina brechen
in Folge der Erpressung bei Einziehung von neuen Steuern und der
dabei vorgekommenen Tödtung eines Christen Unruhen aus, welche
Anfangs nur einen örtlichen und vorübergehenden Charakter zu haben
scheinen, allmälich jedoch Besorgniß erregende Verhältnisse annehmen.
Die Bewegung geht von den flavischen Bewohnern zweier Ortschaften an
der Narenta aus. Die unbedeutende hier stationirte türkische Militärmacht wird,
als sie die Unruhen im Keime ersticken will, nach fünfstündigem hartem Kam pfe
vertrieben, ihre Stellung occupirt und die lbreichische Fahne hesehane
Die ersten günstigen Erfolge gaben den angrenzenden Ortschaften das Zeichen
zum gemeinsamen Aufstande gegen die gehaßten Muselmänner, und dieser
breitet sich schnell bis zur montenegrinischen Grenze aus. Es kommt alsbald
zu neuen Zufammenstören, namentlich bei Nevesinje, in welchen der gemeinsame
Haß durch grausame und barbarische Meeleien zum uusbruc gelangt.
Jedes Zurückweichen der Türken vergrößert die Schaar der Infurgenten.
Weiber, Kinder und Heerden werden nach Dalmatien und Montenegro geschafft,
während die Männer sich einem der aufständischen Corps anschließen.
Die türkische Regierung, deren Truppenmacht in der Provinz nur eine sehr
ungenügende ist, die es nicht wagen darf, die nächstgelegenen Provinzen von
ruppen zu entblößen und die mit Rücksicht auf die Finanzlage und die
leeren Stcntzkasen Anstand nehmen muß, Truppen aus entfernteren Pro-