Contents : Die Hohenzollern und das Reich. Band 3. (3)

——  —  220  "—

Geldvorräte  der  Kassen  seiner  Verwaltung  über  Stettin  nach  Königsberg  schaffen,
mit  deren  Hilfe  allein  die  Fortsetzung  des  Krieges  möglich  ward.  «3s

„Ruhe  ist  die  erste  Bürgerpflicht.“  Wie  diese  erste  Bürgerpflicht  aufzufassen
  sei,  dies  erklärte  Fürst  Hatzfeldt  in  einer  neuen  Bekanntmachung
(19.  Oktober),  in  welcher  es  u.  a.  heißt:

„Ich  verbiete  alles  Zusammenlaufen,  Schreien  auf  den  Straßen,  alles
öffentliche  Teilnehmen  an  den  so  verschiedentlich  einlaufenden  Kriegsgerüchten;
denn  ruhige  Fassung  ist  dermalen  unser  Los;  unsere  Aussichten  müssen  sich
nicht  über  dasjenige  entfernen,  was  in  unsern  Mauern  vorgeht;  dieses  ist  unser
einziges  höhere  Interesse,  mit  welchem  wir  uns  beschäftigen  müssen.“

Wohl  gab  es  in  der  Bevölkerung  Berlins  —  zu  ihrer  Ehre  mag  es  gesagt
  sein  —  noch  viele,  die  anders  dachten.  Junge  Leute  meldeten  sich  zur
Bildung  einer  Freischar  oder  zum  Eintritt  in  das  Heer,  indessen  das  paßte
nicht  zu  den  Staatsanschauungen  des  Gouvernements  über  die  erste  Bürgerpflicht.
  Dasselbe  ließ  vielmehr  die  alte  Bürgergarde  zusammentrommeln,  aber
nicht  zum  Schutze  gegen  die  Franzosen,  sondern  zur  Unterstützung  der  Zolleinnehmer
  an  den  Thoren,  zur  Untersuchung  der  einpassierenden  Wagen  nach
stenerbaren  Gegenständen.  So  geschah  es  denn,  als  der  Offizier  der  Ronde
einen  Posten  der  Bürgergarde  in  seinem  Schilderhause  schlafend  fand  und  den
Erwachenden  mit  harten  Worten  zur  Rede  stellte  wegen  dieser  Pflichtverletzung,
daß  er  von  dem  gemütlichen  Berliner  die  Antwort  erhielt:  „Ruhe  ist  die  erste
Bürgerpflicht;  ick  gehorche!“  —

So  blieb  denn  auch  alles  ruhig,  als  am  24.  Oktober  die  Franzosen  wirklich
  ankamen,  zunächst  nur  der  Vortrab,  aus  Husaren,  Jägern  zu  Pferde  und
etwas  reitender  Artillerie  bestehend.  Am  25.  Oktober  rückte  das  Corps  des
Marschalls  Davoust  in  Berlin  ein,  welchem  dieser  Vorzug  vom  Kaiser  ausdrücklich
  als  Belohnung  für  seinen  Sieg  bei  Anerstädt  zuerkannt  worden  war.
Ein  Teil  des  Corps  blieb  als  Besatzung  in  der  Stadt,  der  andere  Teil  marschierte
  nur  durch  und  bezog  anderthalb  Stunden  jenseits  derselben  an  der
Straße  nach  Küstrin  ein  Hüttenlager.

Die  Berliner  waren  verwundert  über  das  Aussehen  der  französischen
Truppen.  Von  glänzenden  Uniformen  war  da  nicht  viel  zu  sehen,  die  Krieger
in  ihren  grauen  Mänteln,  mit  ihren  über  das  wilde  Haar  gestürzten  verbogenen
  Hüten,  an  denen  ein  alter  Löffel  steckte,  sahen  lange  nicht  so  prächtig
aus  wie  die  preußischen  Paradesoldaten,  an  deren  Anblick  man  gewöhnt  war.
So  hatte  man  sich  die  Sieger  von  Auerstädt  und  Jena  nicht  vorgestellt.

Am  Abend  glich  die  Stadt  einem  großen  Heerlager.  Im  Lustgarten  und
auf  dem  Schloßplatze  hatten  die  kaiserlichen  Garden  bei  hellleuchtenden  Wacht-