270 Denkschrift über die deutsche Frage. Wielopolski.
Eine Anzeige in betreff der Militär-Convention mit Sr. H. dem Herzoge von Gothar³)
würde einen zweckmäßigen Anknüpfungspunct für eine principielle Erklärung im obigen
Sinne darbieten. Die Kgl. Regirung wird dann in der Lage sein, ihren Bundesgenossen von
Neuem und in überzeugender Weise darzuthun, daß sie weder eigennützige Zwecke noch Umgestaltungen
erstrebt, welche dem Recht und der Geschichte Deutschlands widersprechen,
sondern daß sie in der Consolidirung der Wehrkraft des Bundes nur die Mittel sucht,
den gesammten Rechtsbestand der deutschen Staaten gegen äußere Gefahren wirksamer zu
schützen und daß sie diesen nach der Natur der Dinge ihr vorzugsweise obliegenden Beruf
mit gleicher Treue für die Rechte ihrer Bundesgenossen wie für die eignen erfüllen wird.⁴)
*235. Telegramm an Minister Graf Bernstorff.¹)
4. November 1861 vormittags.
Ich habe Wielopolski schon am 1. bei Fürst Gortschakow gesehen.²) Für jetzt habe ich
Grund, die Nachricht seiner Bestimmung zum Chef für ungegründet zu halten, ich werde
aber näheres zu erforschen suchen.
*236. Telegramm an Minister Graf Bernstorff.
4. November 1861 nachmittags.
Der Wielopolski meines gestrigen Telegramms ist der Sohn des Ministers, vorausgeschickt,
um letzterem den Weg zu ebenen. Der Vater, obschon von Graf Nesselrode
empfohlen, hat das Vertrauen des Kaisers nicht mehr, sondern ist verdächtig, Stellung mißbraucht
zu haben, um der Regierung die Bauern zu entfremden, und soll sich hier rechtfertigen.
Man wird ihn, wenn möglich, halten, aber nicht befördern.
Fürst Gortschakow hat die polnischen Angelegenheiten jetzt ziemlich selbständig in der
Hand; er hat seit September auf gewaltsames Durchgreifen gedrungen,²) Lambert aber,
3) Preußen hatte am 1. Juni 1861 mit Herzog Ernst II. von Sachsen Coburg-Gotha eine Militärkonvention
geschlossen.
4) Nachdem B. seinen Urlaub in Pommern verbracht hatte, nahm er im Oktober an der Krönungsfeier
in Königsberg teil und kehrte darauf nach Petersburg zurück, wo er am 1. November eintraf.
235. 1) Am 31. Juli war der bisherige Gesandte in London, Graf Bernstorff, an Stelle des Freiherrn von
Schleinitz zum Minister des Auswärtigen ernannt worden. Er trat seinen Posten am 1. Oktober an.
2) Graf Bernstorff telegraphierte am 3. November an den preußischen Geschäftsträger in St. Petersburg:
„Laut Telegramm aus Warschau ist Wielopolski vom Kaiser nach Petersburg berufen und trifft am 6.
dort ein. Es soll im Werk sein, ihn zum Chef der ganzen Zivilverwaltung Polens zu ernennen und Einfluß von
außerhalb dabei im Spiele sein. Diese Maßregel scheint uns mit den letzten verschiedenen Schritten der
russischen Regierung nicht im Einklang zu stehen und bedenklich zu sein. Suchen Sie näheren Aufschluß über ihre
Bedeutung zu erhalten. Wann erwarten Sie Herrn v. Bismarcks Ankunft?“ — Im Ministerium war man
in Unkenntnis davon, daß B. bereits seit mehreren Tagen in St. Petersburg weilte.
236. 1) Vgl. Nr. 235. ·
2) In Polen waren neue Unruhen ausgebrochen, insbesondere am Todestage Koscjuskos (15. Oktober).