Metadata : Die parlamentarische Thätigkeit des Deutschen Reichstages und der Landtage von 1874-1876.

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Die  Gefahr  eines  großen  Krieges,  das  ist  das  Gespenst,  das
beständig  dem  erschreckten  Volke  vor  Augen  gehalten  wird  und
bis  heute  bei  der  Mehrzahl  seine  Wirkung  nicht  verfehlt  hat.
Das  Volk  hat  sich  in  Folge  dessen  allmählich  in  den  Gedanken
hinein  gelebt,  daß  der  ganze  Zweck  des  Staats  nur  der  sei,  es
vor  räuberischen  Ueberfällen  seiner  lüsternen  Nachbarn  zu  schützen,
und  daß  diese  Nachbarn  keine  anderen  Gedanken  hätten,  als  ihm
sein  Eigenthum  zu  nehmen  und  es  zu  unterdrücken.  Daß  das
Nachbarvolk  gerade  so  gut  ein  Interesse  am  Friedenhalten  habe,
wie  es  selbst,  daran  denkt  es  nicht,  und  eben  so  wenig  daran,
daß  das  Nachbarvolk  kein  Vertrauen  fassen  kann,  wenn  es  sieht,
daß  alles  Sinnen  und  Trachten  des  Nachbarstaates  nur  auf  die
Vervollkommnung  der  Mordwerkzeuge  gerichtet  ist,  und  der  höchste
Ruhm  darin  gesucht  wird,  die  weittragendsten  Kanonen  und  die
am  schnellsten  schießenden  Gewehre  zu  besitzen.

Den  Glauben  an  diesen  Zweck  des  Staates  hat  die  herrschende
  Klasse  in  allen  großen  Staaten  Europa's  mit  merkwürdiger
  Uebereinstimmung  den  von  ihnen  geleiteten  Völkern  beizubringen
  gewußt  und  damit  eine  neue  Stütze  für  ihre  Herrschaft
gewonnen.  Ein  Volk,  das  in  beständiger  Angst  lebt,  von  seinen

achbarn  überfallen  zu  werden,  wird  seine  Hauptthätigkeit  und
Aufmerksamkeit  diesen  zuwenden  und  damit  von  der  Pflege  seiner
  inneren  Angelegenheiten  abgezogen,  oder  in  Behandlung  derselben
  übervorsichtig  und  ängstlich  werden.

Das  ist  auch  die  Absicht,  welche  „kluge“  Regierungen  und
herrschende  Klassen  befolgen,  und  die  ihnen  bis  heute  gelungen
ist.  In  keinem  Lande  besser,  wie  in  Deutschland.  Dieser  Glaube
hat  es  dahin  gebracht,  daß  Deutschland  die  erste  Militärmacht
Europa's  ist,  daß  alle  anderen  Mächte  es  dieser  Macht  nachzuthun
  versuchen,  daß  dadurch  Europa  in  Waffen  starrt  und,  da
die  Volker  rasch  müde  würden,  so  enorme  Lasten  zu  tragen,  wenn
sie  anfingen  ihnen  zwecklos  zu  erscheinen,  daß  jedes  Jahr
wenigstens  einmal  ein  drohendes  Kriegsgerücht  entstehen
  und  gelegentlich  auch  eine  große  Menschenschlächterei
  beginnen  muß.  Die  riesigen  Armeen  und  die
riesigen  Militärbudgets  vermindern  nicht  die  Kriege  und  die
Kriegsgefahr  —  diese  Lehre,  von  der  herrschenden  Klasse  gepredigt,
  ist  eine  grobe  Lüge  und  Entstellung  der  Wahrheit  —  sondern
  sie  vermehren  sie.

Die  Kriege  und  die  Kriegsgefahr  sind  in  demselben  Maße
in  Europa  gewachsen,  wie  die  Armeen  zunahmen.  Je  Leßer
die  Heere,  je  größer  die  Kriegsgefahr  und  je  häufiger  die  Kriege.

Es  sind  zwei  für  das  arbeitende  Volt  fatale  Staatseinrichtungen,
  die  mit  der  wachsenden  Macht  des  Liberalismus  in
Europa  ins  riesengroße  gewachsen  sind.