Full text : Materialien der Deutschen Reichs-Verfassung. Band III (3)

688  Baiern.  Kammer  der  Abgeordneten.

tion  des  betreffenden  Landes  und  seiner  Regierungsgewalt  ausgedehnt  werden.“
Die  Erekution  konnte  ausgedehnt  werden  nach  der  ursprünglichen  Verfassung
bis  zur  Segquestration  des  Landes!  Der  Schlußsatz  ist  weggeblieben,  jetzt  ist
vereinbart,  daß  die  Exekutien  nach  Anhörung  des  Bundesraths,  nach  dem
Beschlusse  des  Bundesraths  vom  Bundesoberhaupt  zu  vollführen  ist,  und  weiter
nichts.  Nun,  wenn  der  Deutsche  Kaiser  der  Zukunft  sich  vom  Bundesrathe
mit  Stimmenmajorität  berellmächtigen  läßt,  die  Exekution  gegen  Baiern  zu
vollstrecken,  wo  ist  dann  die  Grenze,  bei  der  die  Exekution  aufhört?  Sie
war  gesetzt,  sie  ist  nicht  mehr  gesetzt.  Wir  haben  eine  Exekution  zu  erwarten,
die  so  weit  gehen  kann,  wie  sie  will,  und  wenn  die  Exekution  dahin  gehen  will,
einen  Fürsten  abzusetzen,  so  ist  sie  nach  diesem  Wortlaute  dazu  berechtigt.
Das  sind  keine  Traumgebilde,  wir  haben  leider  die  Erfahrung  gemacht,  daß
solche  Akte  vielfach  vollzogen  worden  sind,  und  ich  muß  es  beklagen  und  mit
tiefem  Schmerze  aussprechen,  daß  das  Haus  Wittelsbach  bei  diesen  Akten  in
hohem  Maße  betheiligt  ist,  und  das  gibt  der  Sache  eine  sehr  ernste  Wendung.
Sie  wissen,  ein  Sprosse  von  Wittelsbach  war  Königin  von  Neapel:  der  Thron
von  Neaxpel  ist  rerloren;  ein  Sprosse  aus  dem  Hause  Wittelsbach  war  in
Modena:  Modena  ist  verloren;  ein  Sprosse  aus  dem  Hause  Wittelsbach  war
in  Darmstadt:  Darmstadt's  Selbstständigkeit  wenigstens  ist  dahin;  ein  Sprosse
von  Wittelsbach  ist  in  Oesterreich:  es  wurde  tief  heimgesucht  dieses  Land,
diese  Dynastie  hat  einen  großen  Theil  ihrer  Länder  verloren.  Von  Griechenland
  will  ich  nicht  reden;  aber,  meine  Herren,  wenn  z.  B.  in  Neapel  ein
Minister,  Liberio  Romano,  es  gewesen  ist,  der  seinen  König  damit  verrathen
bat,  daß  er  Garibaldi  nach  Neapel  rief,  als  man  den  König  durch  Vorspiegelungen
  fortgebracht  hatte:  sollen  dann  wir  etwa  uns  dazu  herbeilassen,  einer
Verfassung  zuzustimmen,  welche  es  möglich  macht,  daß  auch  un  ser  König
abgesetzt  werde?  Nein,  nie  und  nimmermehr!  Und  in  einem  solchen
Falle  und  bei  solcher  Sachlage  glaube  ich  berechtigt  zu  sein,  an  einen  Mann,
der  hier  anwesend  ist,  ein  Wort  zu  richten,  es  ist  das  Se.  Excellenz  der  Her
Kriegsminister.  Am  19.  Juli  sprachen  Se.  Ercellenz  das  eruste  Wort:
„Ich  bin  Baier  von  der  Sohle  bis  zum  Scheitel,  und  wenn  man  nach  dem
Kriege,  namentlich  nach  einem  siegreichen  Kriege  die  Selbstständigkeit  Baierns
verletzen  will,  dann,  wenn  ich  nicht  mehr  da  bin,  dann  rufen  Sie  mich,  ich
werde  Front  dahin  machen,  wo  man  unsere  Selbstständigkeit  verletzen  will.“
Jetzt,  meine  Herren,  ist  die  Zeit  dazu  da.  Ich  glaube,  Se.  Excellenz  hat
den  Widerstand  aufgegeben,  weil  er  geglaubt  hat,  er  habe  keine  Trupxpen
mehr,  die  ihm  gehorchen.  Meine  Herren,  zeigen  Sie,  daß  er  Truxpen  bat,
hier  sind  wir,  wir  stehen  ihm  zur  Seite,  er  soll  unser  Führer  sein  auf  diesem
Gebiete,  wir  werden  kräftig,  wir  werden  mannhaft  für  Baierns  König,  für
Baierns  Selbstständigkeit  einstehen,  und  ich  glaube  nach  dem  ritterlichen
Charakter,  den  ich  bei  Sr.  Ercellenz  bemerkt  habe,  er  wird  nicht  ermangeln,
für  Baierns  Selbstständigkeit  einzustehen.  Meine  Herren!  Man  hat  von
Zwangslage  gesprechen.  Ob  man  einer  solchen  Eventualität  gegenüber  eine