Full text : Geschichte der Hohenzollern.

1022  —

Urtheil  erwies,  da  dies  das  Herz  ihres  Gemahls  wo  möglich  mit  noch  festeren
Banden  an  fie  schließen  mußte.  Für  diese  Freunde  hatte  fie  tausend  Aufmerksamkeiten,
  zu  welchen  sich  sonst  eine  so  hochgestellte  Dame  selten  herbeiläßt,  und
Niemand  von  denen,  welche  der  König  lieb  hatte,  ging  aus  seinen  Gemächern,
ohne  ein  freundliches  Wort  oder  einen  holdseligen  Blick  als  Geleit  mitzunehmen,
Ein  rührendes  Zeichen  ihrer  liebevollen  Aufmerksamkeit  empfing  der  General
von  Köckeritz,  den  wir  ja  als  den  Mann  kennen  gelernt  haben,  welchem  Friedrich
  Wilhelm  III.  vor  allen  vertraute  und  sogar  den  besonderen  Auftrag  gegeblen
hatte,  ohne  Rückfsicht  auf  sein  königliches  Ansehen  und  ohne  Rückhalt  ihm  dem
Weg  zur  Wahrheit  offen  zu  halten.  Der  General  war  täglicher  Tischgenoff#
verschwand  aber  fast  unmittelbar  nach  aufgehobener  Tafel,  zum  großen  Leidwesen
  der  hohen  Frau,  welche  schon  der  Anhänglichkeit  ihres  Gemahls  willen  an
den  Freund  die  längere  Dauer  seines  Besuches  gewünscht  hätte.  Lange  konnte
die  Königin  die  Ursache  dieses  Verschwindens  nicht  ergründen,  und  auch  der
König  war  auf  einer  falschen  Spur,  indem  er  der  forschenden  Gemahlin  erklärte,
  der  schon  ältliche  Herr  werde  ohne  Zweifel  an  ein  Mittagsschläschen
gewohnt  sein,  und  man  müsse  dem  braven  Manne  deshalb  nicht  beschwerlich
fallen.  Endlich  aber  erfuhr  sie,  daß  dem  General  von  seinem  Kriegsleben  her
eine  Pfeise  zum  Bedürfniß  geworden  sei.  Schnell  war  ihr  Entschluß  gefaßt.
Als  am  nächsten  Tage  der  erwartete  Moment  kam,  trat  die  Königin  rasch,  gestopfte
  Pfeisfe,  Wachsstock  und  Fidibus  in  der  Hand,  vor  den  erstaunten  Freund
mit  den  Worten  hin:  „Nun,  lieber  Köckeritz,  sollen  Sie  mir  nicht  wieder  entwischen,
  Sie  müssen  hier  bei  uns  ihre  gewohnte  Pfeife  rauchen;"  worauf  der
König,  der  in  der  dem  alten  Freunde  erwiesenen  Aufmerksamkeit  die  sorgende
Liebe  der  Gattin  für  sich  erkannte,  ihr  daher  mit  Rührung  zurief:  „Das  haft
Du  gut  gemacht,  liebe  Luise.“  Der  tief  gerührte  Diener  nahm  freudig  die
Pfeife  an,  und  von  jener  Zeit  zeigte  er  nie  mehr  Lust,  sich  so  schnell  von  dem
gnädigen  Herrscherpaare  zu  entfernen.

Die  Königin  war  bis  zum  Beginne  der  Leidenszeit  vom  Jahre  1806
vollkommen  glücklich,  wohl  in  höherem  Grade  noch,  als  ihr  Gemahl,  denn
dieser  wurde  doch  schon  vor  dieser  Zeit  durch  die  drohenden  Ereignisse  in  der
europäischen  Politik  zu  „ehr  an  die  Möglichkeit  ernsterer  Verwickelungen  gemahnt,
als  daß  er  ohne  Besorgniß  darüber  hätte  bleiben  können,  zumal  da  sein  einfacher
  und  redlicher  Sinn  für  jene  Lügengewebe  schlauer  Diplomatik  keinesweges
paßte.  Von  allem  dem  traf  die  Königin  nur  wenig,  denn  ihr  heiterer  und  in
dem  besten  Verstande  des  Wortes  leichter  Sinn  scheuchte,  wie  es  uns  auch  sittlich
erlaubt  ist,  Sorgen  über  Gefahren,  welche  zwar  drohen,  die  aber  abzuwehren
nicht  in  unserer  Macht  liegt,  wie  böse  Träume  von  sich  und  gab  sich  dem
Glücke  der  Gegenwart  hin.  Bedenkliche  Gemüther,  wie  Friedrich  Wilhelm  III.
vermögen  das  nicht  immer  über  sich.

Trowd  dieses  leichten  Sinnes  fehlte  der  Königin  Luise  aber  keinesweges
fittliche  Tiefe,  noch  wahrhaft  religiöse  Grundlage.  Sie  empfand  trotz  ihrer