Rede, geh. bei der Gedächtnisfeier der Kgl. Friedr. Wilh.-Universität zu Berlin. 119
dem Könige nach Berlin zu Hülfe zu ziehen. Ein Gutsnachbar will
abwiegeln. Er erwidert ihm: „Sie kennen mich als einen ruhigen
Mann, aber wenn Sie das thun, schieße ich Sie nieder.“ „Das werden
Sie nicht“, meint jener. Bismarck aber: „Ich gebe mein Ehrenwort
darauf, und Sie wissen, daß ich das halte, also lassen Sie das.“ Er
sährt nach Potsdam und bietet den Generalen sein Bauernausgebot an.
Er hofft dann vom Könige selbst den Besehl zum Handeln zu erreichen,
wendet sich an die Prinzessin von Preußen, an den Prinzen Karl, eilt
nach Berlin und sucht vergebens in das Schloß zu gelangen. Noch
einmal bespricht er, nach Potsdam zurückgekehrt, mit dem alten Möllendorf
und Prittwitz die Möglichkeit eines selbständigen Handelns. „Wie
sollen wir das anfangen?“ sagt Prittwitz. Bismarck, ohne weiter zu
antworten, setzt sich an das geöffnete Klavier und klimpert darauf den
Infanteriemarsch zum Angriff. Und nun planen die Drei wirklich, die
Truppen aus den Provinzen gegen Berlin heranzuführen. Er selbst
fährt nach Magdeburg, um General Hedemann zu überreden: er will den
König ihm selbst zum Trot aus der Revolution erretten.
Wahrlich, auf diesen Mann passen die Worte, mit denen in Shakespeares
Drama Konful Cominius den Eroberer Coriolis schildert:
Wie man sagt,
Ist Mut die erste Tugend, und erhebt
Zumeist den Eigner: ist es so, dann wiegt
Den Mann, von dem ich sprech“, in aller Welt
Kein andrer auf.
Wochenlang verharrt der Edelmann in dieser Haltung stolzen Trotzes.
Noch im Juni lehnt er eine Einladung des Königs schroff ab. Brüskierend
sast tritt er darauf dem hohen Herrn auf der Terrasse von Sanssouci
entgegen, und er ist, wie er selbst schreibt, hart genug, dem Prinzen von
Preußen ein Gedicht vorzulesen, in dem der Schmerz und Ingrimm der
Truppen üÜber ihre Ausweisung aus Berlin nach dem Siege über die
Rebellen einen erschütternden Ausdruck gefunden hatte:
Das waren Preußen, schwarz und weiß die Farben.
So schwebt die Fahne einmal noch voran,
Als für den König seine Treuen starben,
Fũr ihren König jubelnd Mann für Mann.
Wir sahen ohne Zagen
Fort die Gesall'nen tragen,
Da schnitt ein Ruf ins treue Herz binein,
„Ihr sollt nicht Preußen mehr, sollt Deutsche sein“.
Das war es, was ihn in seinen Tiesen erregte, das die Angst, die
ihn zu dem Versuch einer Kontrerevolution antrieb, der Schmerz, der