296 Abfertigung Rogiers. Angriff der „Constitutionellen Zeitung“.
güglichen Mitteilungen zugegangen. Seine Majestät wollen daher, daß Ew. pp. sich dort in
diesem Sinne aussprechen, und ich ersuche demgemäß Ew. pp. ergebenst, die erste sich dar-
bietende Gelegenheit zu benutzen, um diesen allerhöchsten Intentionen dem Minister Rogier
gegenüber Folge zu geben.
Vertrauliche Nachschrift.
Das von Ew. pp. über die Äußerungen des Herrn Rogier in Ostende Gemeldete er-
hielt soeben noch durch eine mir vertraulich zugegangene Privatmitteilung eine Ergänzung.
Ew. pp. hat Herr Rogier auch von wegwerfenden Äußerungen gesprochen, die ich über
Belgien gemacht haben sollte in dem Sinne, daß Preußen, wenn es zur Erwerbung der
Herzogtümer — Frankreich gegenüber — nötig wäre, sich für die Erhaltung Belgiens nicht
interessieren würde. Dies stimmt ganz mit dem, was Ew. pp. über die Befürchtungen des
Herrn Rogier berichten, überein, bringt aber das Neue, daß diese Befürchtungen aus-
drücklich auf Äußerungen zurückgeführt werden, die ich selbst gemacht haben soll.
Ich kann nicht umhin zu bemerken, daß ich Herrn Rogier mehr Umsicht und Urteil bei
Aufnahme dieser ihm angeblich durch dritte und vierte Hand zugegangenen Nachricht zuge-
traut hätte. Ich habe zu lange fast ausschließlich mit großen politischen Geschäften zu tun
gehabt, um eine Sprache, wie die mir angesonnene in Betreff fremder Regirungen zu
führen, auch in Betreff solcher, deren Presse gleich der Belgischen sich ein Gewerbe daraus
macht, Preußen nicht nur prinzipiell zu bekämpfen, sondern jeden Anlaß, wie neuerdings
— Gastein-Ott¹ — zu gehässigen Entstellungen u[nd] Angriffen gegen uns zu benutzen. Eine
besondere Sympathie für Belgien vermögen uns diese Erscheinungen allerdings nicht ein-
zuflößen.²
*178. Erlaß an den Gesandten in Wien Freiherrn von Werther.
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.]
Am 2. September hatte die Dresdener „Constitutionelle Zeitung“ einen Aufruf des am 3. in
Leipzig zusammengetretenen „Sechsunddreißiger Ausschusses“ des Abgeordnetentages veröffent-
licht, der unter den schwersten Invektiven gegen die Regierungen Preußens und Österreichs wegen
der Gasteiner Übereinkunft zu einer neuen Tagung des Abgeordnetentages zum 1. Oktober, und
zwar in Frankfurt a. M. einlud. Bismarck, der schon bei den Zusammenkünften in Salzburg
und Ischl gelegentlich der Ratisizierung der Gasteiner Konvention sich mit dem Grafen Mensdorff
und dem Minister ohne Portefeuille Graf Moritz Eszterhazy über die Notwendigkeit verständigt
hatte, die konservative Solidarität beider deutschen Mächte gegenüber revolutionären und
demokratischen Bestrebungen nachdrücklich zur Geltung zu bringen, ergriff sofort die Gelegenheit,
um ein gemeinsames Vorgehen beider Regierungen in die Wege zu leiten.
Vertraulich. Berlin, den 15. September 1865.
Ew. pp. finden in der Anlage einen Artikel der in Dresden unter den Augen des König-
lich Sächsischen Gouvernements erscheinenden „Constitutionellen Zeitung“ (Nr. 209, vom
Sonnabend, den 9. Septmber), welcher von den schamlosesten Angriffen auf die beiden
deutschen Großmächte wimmelt, dieselben als Usurpatoren in den Herzogtümern bezeichnet
und dem beabsichtigten Abgeordnetentage in Frankfurt am Main, aus dessen Anlaß der
Artikel geschrieben ist, eine revolutionäre Haltung empfiehlt.
1 Bei der in Bonn spielenden Affäre Ott, die in der belgischen Presse unliebsame Kommentare hervor-
gerufen hatte, handelte es sich um die bei einer Rauferei zwischen Studenten und Arbeitern erfolgte tödliche
Verwundung eines Kochs Ott durch den Einjährig-Freiwilligen Graf Eulenburg.
2 Von den Worten „in Betreff fremder Regirungen“ des vorletzten Satzes an bis um Schluß
eigenhändig von Bismarck.