Full text : Deutsches Kolonialblatt. XXVI. Jahrgang, 1915. (26)

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Somit  find  auch  die  Gründe  hinfällig,  auf  welche  die  feindlichen  Regierungen  —  wenigstens
formell  —  ihre  ablehnende  Haltung  gestützt  haben.

Ubrigens  bieten  aber  auch  Fassung  und  Sinn  des  Artikels  11  der  Kongo-Akte  rechtlich  die
Möglichkeit,  in  jedem  Stadium  der  Feindseligkeiten  die  Frage  der  Neutralisierung  der  unter  die  Kongo-Akte
  fallenden  Gebiete  aufzunehmen  und  die  Neutralisierung  herbeizuführen.  Wenn  es  also  den
Verbündeten  ernstlich  daran  gelegen  hätte,  den  Krieg  aus  Aquatorialafrika  fernzuhalten,  so  hätten
jene  unbedeutenden  Grenzplänkeleien,  die  aus  dem  Borgehen  untserer  ostafrikanischen  Schutztruppe
in  der  zweiten  Augusthälfte  erst  in  der  Folge  entstanden,  für  die  drei  verbündeten  Regierungen  noch
keineswegs  zur  Veranlassung  zu  dienen  brauchen,  den  Vorschlag  der  Neutralisierung  abzulehnen.  Hat
doch  auch  Deutschland  sich  weder  durch  die  Vorgänge  im  Ssanga=  und  Ubangizipfel  von  Kamerun,
noch  durch  die  Beschießung  von  Daressalam  und  die  Wegnahme  des  Dampfers  „Hermann  von  Wissmann“
  darin  beirren  lassen,  seinerseits  die  Initiative  zur  Neutralisierung  des  Kongobeckens  zu  ergreifen.

Allerdings  hatte  die  Reichsregierung  niemals  damit  gerechnet,  daß  ein  europäischer
Krieg,  in  den  Deutschland  verwickelt  sein  würde,  auf  die  Kolonien  übertragen  werden  würde.
Das  ergibt  sich  u.  a.  schon  aus  der  Tatsache,  daß  die  in  den  drei  größeren  Schutzgebieten
Ostafrika,  Kamerun  und  Südwestafrika  bestehende  militärische  Organisation  in  Gestalt  einer  Schutztruppe
  von  jeher  ausschließlich  auf  die  Sicherung  dieser  Länder  gegen  Eingeborenenaufstände,  nicht
aber  gegen  einen  äußeren  Feind  zugeschnitten  war,  die  übrigen  Kolonien  aber  lediglich
über  mehr  oder  weniger  unbedeutende  Polizeitruppen  verfügten,  und  irgendwelche  Grenzbefestigungen
überhaupt  nirgends  vorhanden  waren.  Auch  nachdem  bereits  jene  obenerwähnten  Akte  der  Feindseligkeiten
  in  Ostafrika  und  Kamerun  vorgefallen  waren,  hatte  Deutschland  noch  nicht  die  Hoffnung
aufgegeben,  daß  es  hierbei  sein  Bewenden  haben  würde,  und  eine  Neutralisierung  der  in  Frage
kommenden  Gebiete  Afrikas  noch  zu  erreichen  wäre.

Nach  verschiedenen,  zwischen  den  beteiligten  Ressorts  der  Reichsregierung  und  dem  Botschafter
der  Bereinigten  Staaten  in  Berlin  gepflogenen  Vorverhandlungen  wurde  in  der  Angelegenheit  der
nachstehend  mitgeteille  Schriftwechsel  geführt:

1.  Schreiben  des  Unterstaatssekretärs  im  Auswärtigen  Amt  an  den  Botschafter  der
Vereinigten  Staaten  in  Berlin.

Auswärtiges  Amt.  Berlin,  den  23.  August  1914.

Der  Unterzeichnete  beehrt  sich  Seiner  Exzellenz,  dem  Botschafter  der  Vereinigten  Staaten  von
Amerika,  Herrn  Gerard,  nachstehendes  mitzuteilen:

Artikel  11  der  Kongo-Akte  vom  26.  Februar  1885  sieht  vor,  daß  die  in  der  konventionellen
Freihandelszone  liegenden  Kolonien  neutralisiert  werden  sollen,  wenn  das  betreffende  Mutterland  in
einen  Krieg  verwickelt  wird;  und  zwar  verpflichten  sich  die  die  Akte  unterzeichnenden  Mächte,  ihre
guten  Dienste  zu  leihen,  damit  im  Einverständnis  mit  den  kriegführenden  Teilen  die  Neutralität  der
betroffenen  Gebiete  erklärt  wird.

Die  zur  Zeit  im  Kriege  befindlichen  europäischen  Staaten  besitzen  in  der  Freihandelszone
jolgende  Gebiete:

Deutschland:  Ganz  Deutsch-Ostafrika,  etwa  ein  Drittel  von  Kamerun;

England:  Ganz  Britisch-Ostafrika,  das  ganze  Uganda-Protektorat,  das  ganze  Nyassaland-Protektorat,
  einen  kleinen  Teil  von  Nord-Rhodesien;

Frankreich:  Etwa  die  Hälfte  von  Französisch-Aquatorialafrika;

Belgien:  Den  ganzen  Belgisch-Kongo.

Nach  den  bisherigen  Nachrichten  sind  zunächst  von  England  zwei  feindselige  Akte  im  Gebiet
der  Freihandelszone  unternommen  worden:  Die  Beschießung  von  Daressalam  und  die  Wegnahme
des  Dampfers  „Hermann  von  Wissmann“  auf  dem  Njassasee.

Aus  den  Protokollen  der  Konferenz  von  Berlin  1884/85  geht  hervor,  daß  Kap.  III  der
Kongo-Akte  mit  den  die  Neutralität  behandelnden  Artikeln  10,  11,  12  einer  Anregung  des  Vertreters
der  Vereinigten  Staaten  von  Amerika,  M.  John  A.  Kasson,  zu  danken  ist.  Bereits  in  der  zweiten
Sitpzung  (vgl.  Protokoll  Nr.  2  vom  19.  November  1884)  verlas  M.  Kasson  eine  Erklärung,  aus  der
der  dringende  Wunsch  seiner  Regierung  hervorgeht,  daß  das  Freihandelsgebiet  bei  Kriegen  zwischen
zivilisierten  Mächten  nicht  in  Mitleidenschaft  gezogen  werde.

In  einem  am  10.  Dezember  1884  (ogl.  Anlage  Nr.  13  zum  Protokoll  Nr.  5  vom  18.  Dezember
  1884)  vorgelesenen  Exposé  führte  M.  Kasson  eingehend  und  überzengend  die  für  eine  Neutra-