Full text : Europäischer Geschichtskalender. Vierzehnter Jahrgang. 1873. (14)

2  Allgemeine  Chronik.

entschieden  nicht  gewachsen  erscheint.  Laskers  Auftreten  macht  nach  allen
Seiten  das  ungeheuerste  Aufsehen.

14.  Jan.  (Frankreich.]  Nat.-Versammlung:  die  30er  Commission  beginnt  die  Berathung

  der  sog.  Verfassungsgesetze.  Hr.  Thiers  wünscht  sich  mit  ihr  zu

verständigen,  selbst  mit  Opfern  von  seiner  Seite.

16.    "[Italien.]  Senat:  genehmigt  auch  seinerseits  das  von  der  II.  Kammer
bereits  beschlossene  Gesetz  betr.  Aufhebung  der  theol.  Facultäten  an  allen
Universitäten  des  Staats.  Der  Staat  begibt  sich  damit  jedes  Einflusses  auf
die  Bildung  der  jungen  Cleriker  und  überläßt  dieselbe  vollständig  den  Bischöfen,
  ein  Ausfluß  des  von  Italien  festgehaltenen  Grundsatzes  der  freien
Kirche  im  freien  Staat.

"[Schweiz.)  Der  Papst  ernennt  den  Genfer  Pfarrer  und  Bischof  i.  p.  Mermillod
  aus  eigener  Machtvollkommenheit  und  ohne  sich  deßhalb  mit  der
Bundes=  oder  mit  der  Genfer  Regierung  vorher  ins  Benehmen  gesetzt  zu
haben,  zum  Bischof  von  Genf.

17.  „  (Deutschland:  Elsaß-Lothringen.]  Der  Bundesrath  genehmigt  die  Vorlage
des  Reichskanzlers  über  das  Unterrichtswesen  in  den  Reichslanden,  welche
dasselbe  den  Ansprüchen  der  kath.  Kirche  und  den  factisch  bestehenden  Zuständen
  gegenüber  durchweg  und  entschieden  der  Aufsicht  des  Staates  unterstellt.

18.  „  [Deutschland  —  Frankreich.]  Frankreich  beginnt  die  Abtragung  der
vierten  Milliarde  seiner  Kriegsentschädigung.

„  [Italien.]  In  Rom  findet  die  Grundsteinlegung  der  ersten  nationalen
(englischen)  protestantischen  Kirche  statt.  Die  Zahl  der  Protestanten  ist  seit
1869  von  637  Seelen  auf  3798  angewachsen.

20.  „  [Schweden.]  Eröffnung  des  Reichstags.  Erste  Thronrede  des  Königs
Oscar.  Dieselbe  kündigt  neue  Vorlagen  an  behufs  Reorganisation  der  Armee
und  Hebung  der  Wehrkraft  des  Reiches.

„  (Oesterreich-Ungarn:  Oesterreich.)  Der  Ministerrath  macht  sich  definitiv
über  die  Vorlage  bez.  Wahlreform  des  Reichsraths,  welche  diesen  von  den
Landtagen  unabhängig  stellen  soll  und  der  Verfassungspartei  in  demselben
die,  entschiedene  Majorität  sichern  wird,  schlüssig.  Die  Vorlage  geht  an  den

Kaiser.

„  (Frankreich.]  Nat.-Versammlung:  Die  Rechte  scheitert  mit  ihrem  Antrag
auf  ein  Tadelsvotum  gegen  den  Unterrichtsminister  Simon.

„  L(Deutschland:  Sachsen.]  I.  u.  II.  Kammer:  einigen  sich  schließlich  doch
noch  über  die  sechs  ihnen  von  der  Negierung  vorgelegten  Organisationsgesetze.
Dagegen  bleibt  die  Differenz  über  das  Volksschulgesetz.

„  „  (Oesterreich-Ungarn:  Ungarn.]  Unterhaus:  Beginn  der  Budgetdebatte.
Der  Ministerpräsident  Szlavy  constatirt  die  bedenkliche  Finanzlage  und  entwickelt
  darauf  gestützt  das  Programm  der  Regierung.

24.  „  ([Deutsches  Reich  —  Oesterreich.]  Die  offiz.  Organe  der  deutschen  Reichsregierung
  resp.  des  Reichskanzlers  wiederholen  den  Wunsch,  die  Grammont-Beust'sche
  Angelegenheit  abgethan  zu  sehen.  Dieselbe  gehöre  der  Geschichtsforschung
  an.  Was  Deutschland  und  Oesterreich-Ungarn  mit  einander  verbinde,
  sei  tieferer  Natur  und  keine  bloß  gelegentliche  Annäherung.  Die
Lebensinteressen  beider  Reiche  seien  auf  einander  angewiesen:  das  hätten  die
beiderseitigen  Regierungen  deutlich  erkannt,  das  entspreche  den  Empfindungen
der  Souveräne  und  gleichermaßen  seien  die  Völker  davon  durchdrungen.

25.  „  [Deutschland:  Preußen.]  Abg.-Haus:  Fürst  Bismarck  gibt  gelegentlich
der  Berathung  des  Etats  für  1873  Aufschluß  über  den  Sinn  und  die  Bedeutung
  der  letzten  Ministermodification  und  seinen  Rücktritt  vom  preuß.
Ministerpräsidium.

26.  „  ([Frankreich.]  Nat.-Versammlung:  Der  Unterrichtsminister  zieht  seine  Vorlage
  bez.  eines  Volksschulgesetzes  zurück,  da  er  denselben  durchzubringen  doch
keinerlei  Aussicht  hat.  

27.—29.  „  (Schweiz.]  Die  Conferenz  der  Basler  Diöcesanstände  beschließt  in