Full text : Unser Preußen.

94  Zweiter  Zeitraum.

meister,  der  die  mit  der  Nachtpost  angekommenen  Reisenden  vergebens  pochen
und  auf  der  Straße  warten  ließ,  prügelte  er  eigenhändig  aus  dem  Bett,
jagte  ihn  aus  dem  Amt  und  bat  die  Reisenden  um  Entschuldigung,  daß  ein
preußischer  Beamter  so  pflichtvergessen  sei.  Wenn  ein  Minister  ohne  genügende
Entschuldigung  nicht  pünktlich  (  im  Sommer  um  7,  im  Winter  um  8  Uhr
morgens)  zu  den  Sitzungen  erschien,  zahlte  er  hundert  Dukaten  Strafe;  wer
zweimal  ganz  fehlte,  wurde  entlassen.  Sie  durften  nicht  eher  auseinander
gehen,  als  bis  alle  Sachen  erledigt  waren.  War  dies  bis  zwölf  Uhr  nicht
Mmöglich,  so  erhielten  sie  aus  der  Hofküche  ein  gutes  Mittagessen.  Besonders
scharf  beaufsichtigte  der  König  das  Rechnungswesen.  Alle  Ausgaben  waren
auf  das  knappste  bemessen;  ohne  vorherige  Bewilligung  durfte  nichts  ausgegeben
  werden;  es  durfte  weder  Überschüsse  noch  Nachschüsse  geben;  alles
mußte  „auf  Heller  und  Pfennig“  stimmen.  Die  Oberrechnungskammer
hatte  die  Aufgabe,  die  Rechnungen  zu  prüfen,  und  sie  ist  —  wie  die  preußischen
Rechnungsbeamten  überhaupt  —  wegen  ihrer  Genauigkeit  sprichwörtlich
geworden.

Fast  noch  größeres  Gewicht  als  auf  eine  gewissenhafte  Verwaltung  der
Staatseinkünfte  legte  der  König  auf  eine  Vermehrung  derselben.  Die  Steuerfreiheit,
  welche  die  Adligen  bis  dahin  für  sich  und  ihre  Güter  genossen
hatten,  hob  er  auf.  Die  Ritter=  und  Bauerngüter  hatten  bisher  im  Fall
eines  Krieges  ein  „Lehnpferd“  liefern  müssen;  Friedrich  Wilhelm  wandelte
diese  Leistung  in  eine  jährlich  zu  zahlende  Geldsteuer  von  120  Mark  um
und  verlangte  außerdem  von  den  Bauern  —  auch  von  denen  des  Adels  —
den  Hufenschoß  und  von  dem  ganzen  platten  Lande  das  Kavalleriegeld  als
Entgelt  dafür,  daß  die  Reiterei,  deren  Einquartierung  und  Verpflegung  bis
dahin  dem  Lande  zur  Last  fiel,  jetzt  in  die  Städte  verlegt  wurde.  Der  Adel,
besonders  im  Magdeburgischen  und  in  Preußen,  widersetzte  sich  zwar,  jener
beschwerte  sich  sogar  beim  Kaiser,  dieser  protestierte  dagegen  beim  Könige
selber;  aber  Friedrich  Wilhelm  setzte  seinen  Willen  durch,  zum  Wohle  des
ganzen  Landes.  Die  Städte  mußten  durch  die  Accise  zu  den  Lasten  des
Staates  beitragen.  Diese  Steuer  war  von  allen  die  ergiebigste;  sie  wurde
trotz  heftigsten  Widerspruchs  auch  in  Kleve  eingeführt.  Um  jedem  Unterschleif
vorzubeugen,  befahl  Friedrich  Wilhelm,  daß  auch  das  Königliche  Haus  die
Accise  zahle.  In  die  Rekrutenkasse  mußte  jeder,  der  ein  Amt,  eine  Beförderung,
  einen  Titel,  eine  Gnade  oder  Vollmacht  erhielt,  eine  bestimmte  Summe
zahlen.  Die  meisten  unteren  Stellen  wurden  damals  für  Geld  den  Meistbietenden
  überlassen.  Auch  manche  Strafgelder  sowie  die  Abgaben  der  Juden
für  die  Erlaubnis  zur  Heirat  flossen  in  diese  Kasse,  deren  Einnahmen  der
König  hauptsächlich  für  seine  „langen  Kerle“  verwandte.  Aus  den  Domänengefällen,
  zu  denen  auch  die  Einkünfte  von  Salz,  Zöllen,  Stempeln,  dem
Berg-,  Hütten=  und  Postwesen  gehörten,  wurden  sämtliche  Staatsausgaben
mit  Ausnahme  derjenigen  für  das  Heer  bestritten.

Friedrich  Wilhelm  wollte  aber  nicht  nur  ernten,  sondern  sorgte  dafür,
daß  seine  Unterthanen  auch  zahlen  konnten.  Alljährlich  besuchte  er,  wenn
irgend  möglich,  jede  Provinz.  Da  bot  sich  in  den  ersten  Jahren  seinem  Auge
manch  trauriger  Anblick  dar.  Fast  überall  war  der  Anban  des  Landes