Full text : Unser Preußen.

4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich  den  Großen.  113

Viederschlesien  zwölf  selbständige  Herrschaften!  Der  hervorragendste  Held  unter  diesen
Fürsten  ist  Heinrich  II.  von  Breslau,  der  1241  auf  der  Walstatt  sich  sowie  sein
Häuflein  Reisige,  Bürger  und  Bergknappen  im  Kampf  mit  den  furchtbaren  Mongolen
opferte  und  dadurch  Deutschland  vor  diesen  wilden  Horden  bewahrte.  Die  Zersplitterung
  des  Landes  erleichterte  es  dem  Könige  Karl  IV.  von  Böhmen,  1355  ganz
Schlesien  zu  einem  böhmischen  Lehen  herabzudrücken.  Doch  auch  die  böhmischen
Könige  vermochten  dem  Lande  Ruhe  und  Frieden  nicht  zu  geben;  besonders  schwer
litt  es  in  dem  Husitenkriege.  Breslau  stand  unmittelbar  unter  der  Krone  Böhmen
und  entwickelte  sich  zu  einem  mächtigen  deutschen  Handelsplatz;  sein  prächtiges  Rathaus
  im  spätgotischen  Stil  sowie  seine  großen  Kirchen  wurden  im  15.  Jahrhundert
vollendet.  Mit  Böhmen  kam  Schlesien  dann  1526  an  das  Haus  Habsburg  und
nahm  früh  die  lutherische  Lehre  an;  aber  der  Dreißigjährige  Krieg  vernichtete  nicht
nur  das  aufblühende  kirchliche  Leben,  sondern  jede  Wohlfahrt  und  Bildung.

Friedrich  lag  an  einem  hitzigen  Fieber  danieder,  als  die  wichtige  Kunde
eintraf,  daß  Kaiser  Karl  VI.  (1740)  gestorben  sei.  Diese  Nachricht  machte
ihn  gesund.  „Ich  habe  dem  Fieber  den  Laufpaß  gegeben,“  schrieb  er,  „denn
ich  habe  meine  Maschine  nötig.“  Er  war  sofort  entschlossen,  die  sich
voraussichtlich  bietende  günstige  Gelegenheit  auszunutzen,  um  die  alten  Ansprüche
  seines  Hauses  an  Schlesien  (S.  76)  geltend  zu  machen.  Kurfürst
Karl  Albert  von  Bayern  erhob  nämlich  als  Gemahl  einer  Tochter  Josephs  I.
Erbansprüche  auf  sämtliche  habsburgische  Erbländer  und  stützte  sich  auf  Frankreich.
  Friedrich  erklärte  Maria  Theresia,  er  wolle  die  von  seinem  Vater
anerkannte  pragmatische  Sanktion  (S.  105)  für  die  österreichischen  Erblande
  ebenfalls  anerkennen,  aber  nicht  für  Schlesien;  zugleich  begann  er  seine
Rüstungen.  Da  Maria  Theresia  entgegen  dem  Rat  ihrer  verzagten  Minister
alle  seine  Anerbietungen  zurückwies,  so  rückte  er  schon  im  Dezember  1740
in  Schlesien  ein  und  besetzte  ohne  Schwertstreich  fast  das  ganze  Land;  nur
Glogau,  Neiße  und  Brieg  leisteten  Widerstand  und  wurden  eingeschlossen.
Damit  begann  der  erste  Schlesische  Krieg  (1740—1742).  Die  evangelische
Bevölkerung  Schlesiens  begrüßte  Friedrich  als  ihren  Befreier  von  religiöser
Bedrückung;  auch  die  katholische  beruhigte  sich  bald  infolge  der  guten  Mannszucht
  und  des  freundlichen  Entgegenkommens  der  Preußen.  Breslau  war
von  altersher  frei  von  österreichischer  Besatzung;  auch  Friedrich  ehrte  vorläufig
  dies  Vorrecht  der  Stadt,  besuchte  sie  aber  und  wurde  mit  Jubel
empfangen.  —

Noch  einmal  bot  Friedrich  die  Hand  zum  Frieden;  er  wollte  Maria
Theresia  gegen  alle  ihre  Feinde  unterstützen,  ihrem  Gemahl  Franz,  mit  dem
das  Haus  Lothringen  den  österreichisch=  ungarischen  Thron  bestieg,  bei  der
Kaiserwahl  seine  Stimme  geben  und  zwei  Millionen  Gulden  zahlen,  wenn
sie  ihm  sofort  auch  nur  Niederschlesien  abtreten  wollte,  erhielt  aber  eine  ablehnende
  Antwort.  Das  Schwert  mußte  also  entscheiden.  Der  alte  Dessauer
mußte  sich  zum  Schutze  der  Mark  gegen  Sachsen  und  Hannover  mit  einem
Hcere  in  der  Zauche  aufstellen;  der  König  selber  eilte  beim  Beginn  des
Frühlings  wieder  nach  Schlesien.  Der  Erbprinz  Leopold  von  Dessau  überrumpelte
  mittels  eines  kühnen  Handstreichs  die  Festung  Glogau;  bald  nachher
rückte  der  österreichische  Feldmarschall  Neipperg  von  Mähren  gegen  Neiße
heran.  Friedrich  eilte  ihm  entgegen  und  gewann  (am  10.  April  1741)  bei
Mollwitz  (unweit  Brieg)  seine  erste  Schlacht.  4

Hoffmeyer,  Unser  Preußen.  8