Full text : Unser Preußen.

170  Zweiter  Zeitraum.

im  deutschen  Reiche  die  wichtigsten  Neuerungen  geschähen,  ohne  daß  ihm  auch
nur  Mitteilung  davon  gemacht  würde,  riet  Napoleon  ihm  arglistig,  da  er  es
inhalten  wollte,  bis  er  vollständig  gerüstet  sei,  es  möge  dem  Rheinbund
entsprechend  einen  norddeutschen  Bund  bilden,  zugleich  drohte  er  aber  den
norddeutschen  Staaten  für  den  Fall,  daß  sie  solchem  Bunde  beitreten  würden.
Schon  damals  sahen  patriotisch  gesinnte  Männer  Preußens  nur  noch  im
Kriege  Rettung,  und  mehrere  königliche  Prinzen  sowie  General  Blücher  und
der  Minister  Freiherr  vom  Stein  beschworen  den  König,  Haugwitz  und
dessen  Gesinnungsgenossen,  die  den  König  von  jedem  entschiedenen  Schritte
zurückzuhalten  suchten,  zu  entlassen.  Stein  bat  den  König,  er  möge  die
Kabinettsräte  —  Vertraute  des  Königs,  die  sich  zwischen  diesen  und  die
Minister  gedrängt  hatten  und  nicht  selten  die  Absichten  der  Minister  vereitelten  —
abschaffen.  Aber  alles  war  vergebens,  bis  eine  neue  Verräterei  Napolcons
den  Ausbruch  des  Krieges  herbeiführte.  Um  England  zu  gewinnen,  bot  Napoleon
  ihm  nämlich  die  Zurückgabe  Hannovers  an,  ohne.  Preußen  zu  fragen.

Aber  nur  schweren  Herzens  entschloß  sich  Friedrich  Wilhelm  zum  Kriege;
denn  das  Heer  war  durchaus  nicht  in  gutem  Zustande,  und  die  Kassen  waren
leer:  hatte  sich  doch  soeben  die  preußische  Regierung  zum  erstenmal  zur  Ausgabe
  von  Papiergeld  (Tresorscheinen)  entschließen  müssen!  Auf  Bundesgenossen
aber  konnte  der  König  kaum  rechnen;  denn  Osterreich  hielt  sich  zurück,  Kaiser
Alexander  versprach  Hilfe,  konnte  aber  wenig  Truppen  entbehren,  weil  Napoleon
ihm  die  Türken  auf  den  Hals  hetzte.  Fast  der  einzige,  aber  höchst  unsichere
Bundesgenosse  war  Sachsen.  Noch  einmal  suchte  der  König,  wenn  auch  ohne
Hoffnung,  den  Krieg  zu  vermeiden,  indem  er  von  Napoleon  verlangte,  er  solle
zum  Zeichen  friedlicher  Gesinnung  seine  Truppen  aus  Deutschland  zurückziechen
  und  der  Bildung  des  norddentschen  Bundes  kein  Hindernis  in  den
Weg  legen.

Während  man  in  Berlin  noch  auf  Antwort  wartete,  stand  Napoleon
schon  mit  160000  Mann  zum  Teil  deutscher  Truppen  in  Franken.  Das
preußische  Heer,  1038000  Mann  stark,  führte  der  71jährige  Herzog  Karl
Wilhelm  Ferdinand  von  Braunschweig  (S.  161).  Er  beabsichtigte,
dem  Feinde  die  Saalpässe  zu  sperren  und  nahm  mit  der  einen  Halfte  des
Heeres  Aufstellung  bei  Weimar,  während  Fürst  Hohenlohe  mit  der  anderen
Hälfte  bei  Jena  stand.  Der  König  war  im  Hauptgquartier,  getraute  sich  aber
nicht,  den  Oberbefehl  zu  übernehmen.  Die  Königin  kehrte  kurz  vor  Beginn
der  Schlacht  nach  Berlin  zurück.  Als  man  erfuhr,  daß  Napoleon  auf  der
Nürnberg-Leipziger  Straße  heraneile  und  die  linke  preußische  Flanke  zu  umgehen
  drohe,  befahl  der  Herzog  den  Rückmarsch  zur  Elbe,  wurde  aber  auf
dem  Rückzuge  von  Süden  und  Osten  her  angegriffen.  Napoleon  selber  zog
das  Saalthal  hinab  und  traf  am  10.  Oktober  auf  das  schwache  Korps  des
Prinzen  Louis  Ferdinand.  Fünf  Stunden  hielt  der  tapfere  Prinz  gegen
die  Ubermacht  stand;  da  brach  sein  Pferd  unter  ihm  zusammen.  „Ergebt
Euch,  General!“  rief  ihm  ein  französischer  Wachtmeister  zu.  „Sieg  oder
Tod!"  entgegnete  der  Prinz  und  kämpfte  zu  Fuße  weiter,  bis  er  zu  Boden
gestreckt  wurde.  Sein  Tod  galt  vielen  als  eine  unheilvolle  Vorbedeutung
und  vermehrte  die  Ratlosigkeit  der  Führer.  Fürst  Hohenlohe  zog  sich  über