Full text : Unser Preußen.

172  Zweiter  Zeitraum.

fernerem  Widerstande  verzweifelnd,  da  Murat  ihm  vorlog,  er  habe  ihn  mit
100000  Mann  unmsstellt,  kapitulierte  Hohenlohe  bei  Prenzlau  mit  etwa
12000  Mann  (28.  Oktober).  Die  Soldaten  fluchten  und  schäumten  vor  Wut,
aber  sie  gehorchten.  Blücher  wandte  sich  auf  diese  Nachricht  hin  nach  Mecklen—
burg,  schlug  sich  bis  Lübeck  durch,  mußte  aber  nach  tapferem  Kampfe  bei
Ratkau  die  Waffen  strecken,  weil  er,  wie  er  ausdrücklich  unter  den  Vertrag
schrieb,  keine  Munition  und  kein  Brot  mehr  hatte  (7.  November).

Schon  am  24.  Oktober  waren  die  Franzosen  und  zwar  ohne  Widerstand
in  Berlin  eingezogen.  Der  Stadtkommandant  Schulenburg  hatte  schon  vorher
ermahnt:  „Die  erste  Bürgerpflicht  ist  Ruhe“  und  dann  die  Stadt  verlassen,
ohne  die  reichen  Kriegsvorräte  in  Sicherheit  zu  bringen.  Nach  drei  Tagen
kam  Napoleon  selber,  nachdem  er  zuvor  in  Potsdam  das  Grab  des  großen
Friedrich  besucht  hatte.  Durch  das  Brandenburger  Thor  ritt  er,  vielfach
von  gesinnungslosem  Pöbel  mit  dem  Rufe:  „Vive  Uempereur!“  begrüßt,  die
Linden  hinab  und  nahm  seinen  Wohnsitz  in  dem  altehrwürdigen  Schlosse  der
preußischen  Könige.  Nur  der  greise  Prediger  Ermann  bekannte  Napoleon
gegenüber  offen:  „Sire,  ich  wäre  des  Kleides  nicht  wert,  das  ich  trage,  und
des  Königs,  dem  ich  diene,  wenn  ich  nicht  den  tiefsten  Schmerz  darüber
empfände,  Ew.  Majestät  an  dieser  Stelle  zu  sehen.“  Auf  alle  Verdächtigungen,
welche  der  unedle  Sieger  über  die  Königin  Luise  äußerte,  hatte  Ermann  nur
die  eine  Antwort:  „Das  ist  nicht  wahr,  Sire.“  Mancher  Gesinnungslose  bot
dem  Feinde  kriechend  seine  Dienste  an  und  verriet  sogar  die  königlichen  Kassen
und  Vorräte.  In  Berlin  erließ  Napoleon  das  Gesetz  der  Festlandssperre,
durch  welches  er  den  von  ihm  beherrschten  Völkern  jeden  Handel  mit  England
verbot.  Der  Siegeswagen  des  Brandenburger  Thores,  sowie  Degen,  Orden
und  Schärpe  Friedrichs  des  Großen  wanderten  nebst  vielen  Kunstschätzen,
Fahnen  und  Ehrenzeichen  nach  Paris;  die  preußische  Garde  in  Berlin  wurde
entwaffnet,  das  Tragen  preußischer  Uniformen  verboten,  der  Obelisk  auf  dem
Schlachtfelde  von  Roßbach  zertrümmert.  Dazu  liefen  immer  neue  Nachrichten
ein  von  dem  Fall  der  Festungen;  es  kapitulierte  Spandau  ohne  Schwertstreich
schon  am  25.,  das  feste  Stettin  am  29.  Oktober,  das  damals  fast  unbezwingliche
  Küstrin  unter  Ingersleben  (1.  November)  und  (8.  November)  das  starke
Magdeburg  mit  unermeßlichen  Vorräten  und  24000  Mann  Besatzung,  unter
ihnen  neunzehn  Generale,  die  zusammen  1300  Jahre  zählten.  Somit  waren
die  Elb=  und  die  Oderlinie  den  Franzosen  preisgegeben.  Am  schmachvollsten  war
die  Kapitulation  von  Hameln,  das  wohlbefestigt  war  und  von  10000  Mann
verteidigt  wurde.  Als  nur  6000  Franzosen  ohne  Geschütz  heranrückten,  überlieferte
  der  Kommandant  die  Festung  ohne  jede  Verteidigung  und  ließ  die
ganze  Besatzung  in  Kriegsgefangenschaft  abführen.  Unter  den  Offizieren  war
auch  Adalbert  von  Chamisso;  er  erzählt:  die  Soldaten  schossen  dem  feigen
Kommandanten  in  die  Fenster  und  zerschlugen  ihre  Gewehre;  die  beiden  Gebrüder
  Warnawa  setzten  einander  das  Gewehr  auf  die  Brust  und  sanken  gleichzeitig
  als  Leichen  nieder.  Napoleon  ließ  durch  seine  Generale  die  Marken  und
Pommern  besetzen,  die  Rheinbundstruppen  mußten  gegen  Schlesien  marschieren.
Dort  lagen  die  stärksten  Festungen;  aber  die  meisten  derselben  ergaben  sich
ehrlos.  Der  Befehlshaber  von  Glogau  fuhr  einen  Bürger,  der  zur  Ver-