194 Zweiter Zeitraum.
Oberschlesien, Breslan und Potsdam, wo die königliche Familie wohnte, stand
den französischen Heeren zum Durchmarsch offen und mußte für ihre Verpflegung
sorgen. Auch Berlin wurde wieder besetzt. Der französische Befehlshaber hatte
das Recht, die für das Heer erforderlichen Lebensmittel sowie Wagen, Pferde
und jeden anderen Kriegsbedarf zu nehmen; die Kommandanten von Kolberg
und Grandenz waren den französischen Befehlen unterworfen. Allein in Ostpreußen
nahmen die Franzosen 78000 Pferde weg. Es fielen den Franzosen
jetzt alle Kriegsvorräte in die Hände, welche in den letzten Jahren neu an—
geschafft waren; Preußen sollte ganz unschädlich gemacht werden. War doch
auch der König ganz in Napoleons Gewalt. Preusßen verlor durch den Durchmarsch
der französischen Armee etwa 400 Millionen Franken mehr, als der Rest
der an Frankreich noch zu zahlenden Kriegsschuld betrug. Wie lähmend wirkte
die Nachricht von dem Abschluß dieses Vertrages auf alle Vaterlandsfreunde!
Blücher hatte auf Napoleons Forderung schon vorher entlassen werden müssen,
jetzt mußten auch Scharnhorst und Gneisenau ihren Abschied nehmen; 21 Offiziere,
unter ihnen Boyen und Clausewitz, baten freiwillig um ihre Entlassung,
um nicht unter französischen Fahnen dienen zu müssen; die meisten gingen
nach Rußland, England oder Spanien. Auch Stein eilte damals mit dem
ebenfalls geächteten E. M. Arndt nach Rußland, um den wankelmütigen Zaren
zu stützen.
Im Frühjahr 1812 brach das gewaltige Heer nach dem Osten auf.
Napoleon hielt im Mai in Dresden einen noch glänzenderen Fürstentag ab
als einst in Erfurt. Auch Kaiser Franz und König Friedrich Wilhelm hatten
dazu erscheinen müssen. Dort richtete der Mann, welcher der Königin Luise
das Herz gebrochen hatte, an ihren trauernden Gemahl die taktlose Frage:
„Sie sind Witwer?“ Napoleon selber drang auf dem Wege über Wilna
und Smolensk gegen Moskau vor; das preußische Hilfsheer gehörte dem
linken, das österreichische dem rechten Flügel an. Scharnhorst hatte dem
Zaren geraten, sich ohne Schlacht zurückzuziehen und dadurch den Feind immer
tiefer in das Innere des Reiches zu locken. Alexander wollte zwar sein
Land nicht ganz ohne Schwertstreich preisgeben, wurde aber zweimal — bei
Smolensk und bei Borodino — geschlagen, und Napoleon konnte in Moskau
einziehen. Vergebens knüpfte er Friedensunterhandlungen an; die Russen
hielten ihn absichtlich hin, ließen dann ihre eigene Hauptstadt in Flammen
aufgehen und nötigten ihn dadurch zum Rückzuge. Von den Russen gezwungen,
mußte er wieder durch dieselbe Gegend ziehen, die auf dem Hinwege
schon vollständig ausgeplündert war. Damit war der Untergang des
Heeres besiegelt. Bald stellte sich auch der gefürchtete russische Winter ein;
vor Kälte zitternd, ohne Obdach, ohne Nahrung, verfolgt von den Kosaken
und russischen Bauern, so wankten die armen Krieger über die russischen
Schneefelder. Nach dem grauenvollen Ubergange über die Beresina (26. bis
29. Nov.) löste sich jede Ordnung des Heeres; in unordentlichen Haufen
schleppten sich die letzten Trümmer der „großen Armee“ dahin, hohlwangige,
leichenähnliche Jammergestalten mit erfrorenen Gliedern, andere vor Kälte
blind und taub, in Lumpen und Stroh gehüllt. Napoleon hatte das Heer
längst verlassen; über Dresden war er nach Paris geeilt und ließ jetzt der