7. Erhebung Preußens zu einem Verfassungsstaate unter Friedrich Wilhelm IV. 240
schon 1856 einen Angriff auf die an der nordafrikanischen Küste hausenden
„Riffpiraten“ wagen. — Eine kleine Vergrößerung erfuhr Preußen dadurch,
daß ihm die hohenzollernschen Fürsten von Hechingen und von Sigmaringen
1850 ihre Länder (1142 qklm mit 65000 Bewohnern) gegen
ein Jahresgehalt abtraten. Dagegen verzichtete Preußen (1857) auf die
ihm aus der oranischen Erbschaft zustehende Landeshoheit in Neuenburg
(S. 88), der sich dieses Ländchen schon 1848 entzogen hatte.
Die Friedenszeit kam zunächst den Landbewohnern zu gute, die auch
von den Unruhen der Revolution fast ganz unberührt blieben. Noch mehr
als schon unter Friedrich Wilhelm III. zeigten sich jetzt die Früchte der Bauernbefreiung,
der Gemeinheitsteilung und des Schulzwanges. Der Bauer war
fortan mehr befähigt und bestrebt, die Neuerungen im landwirtschaftlichen
Betriebe zu benutzen: er rundete seinen Besitz ab und vergrößerte ihn durch
Neukultur. Allein in drei Jahren (1849— 552) wurden in Preußen über
10000 qkm urbar gemacht. Noch auffälliger hob sich besonders infolge der
Benutzung der Dampfkraft die Industrie. Schon die erste Industrieausstellung
in Berlin (1844) zeigte, welch hohen Aufschwung das deutsche Gewerbe
genommen; auf der Weltausstellung in London (1851) und noch
mehr auf der in Paris (1855) mußten Engländer und Franzosen zugestehen,
daß sie von den Deutschen in mehreren Industriezweigen bereits übertroffen
seien. Elberfeld -Barmen konnte in Geweben mit Manchester, Solingen in
Stahlwaren mit Lüttich erfolgreich wetteifern. Krupps Gußstahlwerk in Essen
erhob sich zum ersten Stahlwerk und zur größten Geschützfabrik der Erde.
Borsig in Berlin, der (1841) die erste Lokomotive auf deutschem Boden erbaute,
überflügelte im Maschinenbau die Engländer. Mit dem Gewerbe hob
sich auch der Handel, der seinerseits wieder das Gewerbe förderte, während
beide durch das stetig sich erweiternde Netz der Eisenbahnen die größte
Unterstützung fanden. Der König stand diesen freundlicher gegenüber als
sein Vater, gewährte den Eisenbahngesellschaften manche Vergünstigungen und
ließ auch einige Strecken auf Staatskosten erbauen; die Eisenbahnbrücke bei
Dirschau gehörte lange Zeit zu den großartigsten Brückenbauten der Welt.
Gegen Ende der Regierung Friedrich Wilhelms gab es in Preußen gegen
5000 km Eisenbahnen, und das ganze Königreich wurde von mehreren
Leitungen des elektrischen Telegraphen durchzogen. Diesem Aufschwunge
des Landes entsprechend errichtete der König 1848 das (7.) landwirtschaftliche
Ministerium und das (8.) Ministerium für Handel, Gewerbe
und öffentliche Arbeiten. 1
Mit noch größerer Vorliebe pflegte der König das geistige Wohl seines
Volkes. Um der Volksschule einen streng religiösen Charakter zu wahren,
erließ er „die drei preußischen Regulative vom 1., 2. und 3. Oktober
1854 über Einrichtung des evangelischen Seminar-, Präparanden= und
Elementarschulunterrichts“, durch welche er diesen Anstalten bestimmte, wenn
auch niedrig bemessene Ziele steckte. Die Wissenschaft fand damals nirgends
bessere Pflege als in Preußen (S. 233). Hier wirkten die Sprachforscher
Jakob und Wilhelm Grimm, der Geograph Karl Ritter, die Geschichtschreiber
Mommsen, Giesebrecht, Max Duncker, Curtius, von Sybel