Full text : Unser Preußen.

288  Dritter  Zeitraum.

Jetzt  eilte  Mac  Mahon  mit  etwa  50000  Mann  selber  herbei,  um  dem
Kronprinzen  die  Pässe  des  Wasgenwaldes  zu  versperren.  Er  nahm  seine
Stellung  auf  den  Höhen  westlich  von  Wörth,  vor  seiner  ganzen  Front
zog  sich  eine  von  der  Sauer  durchflossene  Wiesenniederung  hin.  Der  Kron—
prinz  hatte  den  Angriff  erst  für  den  7.  August  in  Aussicht  genommen;  aber
seine  Vortruppen  gingen  schon  am  6.  so  ungestüm  vor,  daß  der  Kampf  ohne
große  Verluste  auf  deutscher  Seite  nicht  mehr  abgebrochen  werden  konnte.
Die  französische  Stellung  war  noch  fester  als  die  der  Osterreicher  bei  Königgrätz;
  die  Ränder  der  Höhen  fallen  steil  ab,  die  mit  Mauern  umgebenen
Gärten,  Gehöfte,  Hopfen=  und  Weinanpflanzungen  gewährten  vortreffliche
Deckung.  Der  Sturm  gegen  diese  Höhen  war  anfänglich  erfolglos;  als  aber
im  Norden  die  Bayern,  im  Süden  die  Württemberger,  Badenser,  Hessen,
Nassauer  und  Thüringer  den  Feind  schon  fast  überflügelt  hatten,  gab  Mac
Mahon  den  Kampf  auf.  Sein  Heer  eilte  in  größter  Unordnung  davon,  nur
mit  Mühe  gelang  es  ihm,  es  wieder  zu  sammeln;  aber  18000  fehlten.  Zwar
hatte  auch  das  deutsche  Heer  über  10000  Mann  verloren;  dafür  war  aber
auch  ein  großer  Sieg  errungen  und  die  Armee  Mac  Mahons  kampfunfähig
gemacht.  Die  Franzosen  hatten  seit  1815  die  erste  offenc  Feldschlacht  verloren!

Zugleich  mit  der  Siegesbotschaft  von  Wörth  traf  noch  eine  zweite
vom  selben  Tage  ein.  Die  Vorhut  der  ersten  Armee  stieß  auf  ihrem  Vormarsch
  auf  das  französische  Korps  Frossard,  das  auf  den  Spicherer  Höhen
bei  Saarbrücken  eine  nach  Ansicht  der  Franzosen  uneinnehmbare  Stellung  inne
hatte;  besonders  schien  der  bastionsartig  vorspringende,  steile  und  kahle  Rote
Berg  unangreifbar  zu  sein;  durch  reihenweis  übereinanderliegende  Schützengräben
  und  Verschanzungen  waren  die  Höhen  wie  in  eine  Festung  umgewandelt.
  Dennoch  gingen  unsere  Truppen  ohne  Zögern  zum  Angriff  vor.
Das  Gewehr  als  Stütze  benutzend,  auf  Händen  und  Füßen  kriechend,  kletterten
sie,  meistens  ungedeckt,  die  steilen  Höhen  empor,  nisteten  sich  dort  ein  und
wichen  nicht,  so  sehr  sie  auch  mit  Kugeln  überschüttet  wurden;  doch  vermochten
sie  auch  nicht  weiter  vorzudringen,  bis  endlich  frische  Regimenter,  die  zum
Teil  soeben  den  Eisenbahnwagen  verlassen  hatten,  ihnen  zu  Hilfe  eilten.  Als
es  dann  sogar  gelang,  Kanonen  auf  den  Berg  zu  schaffen,  zog  sich  Frossard
zurück.

Die  am  4.  und  6.  August  erfochtenen  drei  Siege  hatten  den  Mut  und
das  Selbstvertrauen  des  deutschen  Heeres  gewaltig  gehoben  und  die  Franzosen
ernüchtert.  Schon  damals  schrieb  ein  englischer  Berichterstatter,  ein  Zeuge
der  Schlacht  bei  Wörth:  „Die  Franzosen  sind  verloren!  Das  sind  keine  Bataillone,
  das  sind  Mauern,  die  mit  unwiderstehlicher  Macht  vorwärts  dringen.
Jeder  Mann  ist  ein  Held!“  Der  Einfall  in  Süddeutschland  sowie  die  Verbindung
  mit  Osterreich  und  Italien  war  vorläufig  vereitelt.  Schon  in  diesen
Tagen  kamen  die  ersten  Gefangenen  nach  Deutschland,  aber  auch  viele  Verwundete,
  und  viele  tausend  Hände  regten  sich,  um  Freund  und  Feind  die
liebevollste  Pflege  angedeihen  zu  lassen.  Königin  Augusta  stellte  sich  an
die  Spitze  des  Vereins  zur  Pflege  kranker  und  verwundeter  Krieger,  leitete
dessen  Sitzungen  und  besuchte  täglich  die  Lagerstätten  der  verwundeten  Soldaten

  in  Berlin.