Full text : Unser Preußen.

2.  Die  innere  Festigung  durch  Kaiser  Friedrich  III.  und  Kaiser  Wilhelm  I.  329

Als  eine  gute  Vorbedeutung  sah  es  das  preußische  Volk  an,  daß  Prinz
Friedrich  Wilhelm  am  Jahrestage  der  Schlacht  bei  Leipzig,  am  18.  Oktober
  1831,  geboren  wurde.“)  Mit  trefflichen  Gaben  des  Körpers  und  Geistes
ausgerüstet,  entwickelte  er  sich  zu  einem  blühenden  Knaben  und  Jüngling;
seine  Mutter,  eine  Schülerin  Goethes,  und  treffliche  Lehrer,  wie  Ernst
Curtius,  erweckten  in  ihm  Vorliebe  für  Kunst  und  Wissenschaft;  das  Vorbild
des  Vaters,  die  militärische  Erziehung  und  das  Bewußtsein  der  ihm  bevorstehenden
  Aufgabe  machten  ihn  auch  zu  einem  tüchtigen  Soldaten.  Nach
dreijährigem  Besuch  der  Universität  Bonn  widmete  er  sich  dem  Militärdienste
und  ließ  sich  durch  erfahrene  Staatsmänner  in  die  verschiedenen  Zweige  der
Staatsverwaltung  einführen;  größere  Reisen  durch  Deutschland,  England  und
Italien  erweiterten  seinen  Blick.  Er  vermählte  lich  1858  mit  der  Kronprinzessin
  Viktoria  von  England,  und  am  27.  Januar  1859  wurde  dem
jungen  Fürstenpaare  das  erste  Kind  geboren,  Prinz  Wilhelm,  der  spätere
Kaiser  Wilhelm  II.

Mit  der  Thronbesteigung  seines  Vaters  (1861)  wurde  Friedrich  Wilhelm
Kronprinz  von  Preußen,  und  er  trat  dadurch  dem  preußischen  Volke  noch
näher.  Seine  herrliche  Heldengestalt,  seine  bezaubernde  Freundlichkeit,  sein
offenes,  treuherziges  Wesen  gewannen  ihm  bald  aller  Herzen.  Schon  im
Feldzuge  gegen  Dänemark  (1864)  bewies  er  seine  militärische  Tüchtigkeit,
Furchtlosigkeit  und  die  Gabe,  durch  Humor  und  Leutseligkeit  die  Soldaten
zu  begeistern.  Im  Kriege  gegen  Österreich  (1866)  heftete  er  Sieg  auf  Sieg
an  die  preußischen  Fahnen;  seine  Armee  brachte  die  Entscheidung  in  der
Schlacht  bei  Königgrätz.  1869  folgte  der  Kronprinz  einer  Einladung  zur
Eröffnung  des  Suezkanals.  Er  reiste  über  Griechenland,  Konstantinopel,
Kleinasien  nach  Jernsalem;  von  Suez  aus  besuchte  er  Agypten  und  kehrte
dann  über  Paris  heim.  Wegen  seines  leutseligen  Wesens  erhielt  er  beim
Ausbruch  des  deutsch-französischen  Krieges  (1870)  den  Oberbefehl  über  die
süddeutschen  Truppen  und  erwarb  sich  mit  ihnen  unsterbliche  Verdienste  durch
die  Siege  bei  Weißenburg,  Wörth,  Sedan  und  vor  Paris;  auch  trat
er  mit  Eifer  für  die  Errichtung  des  Kaiserreichs  ein.  Mit  der  Würde  eines
Feldmarschalls  geschmückt,  kehrte  er  aus  dem  Kriege  zurick.

Als  Kronprinz  hatte  er  trotz  seines  Alters  auf  die  Staatsleitung  nur
geringen  Einfluß;  er  widmete  daher  seine  Zeit,  welche  ihm  der  Militärdienst
noch  übrig  ließ,  vorzugsweise  der  Förderung  von  Kunst  und  Wissenschaft,
wobei  ihn  seine  kunstverständige  Gemahlin  unterstützte.  Doch  hat  er  sich  auch
politisch  um  das  Deutsche  Reich  große  Verdienste  erworben.  Als  Armeeinspekteur
  hatte  er  alljährlich  die  süddeutschen  Truppen  zu  besichtigen,  von
Jahr  zu  Jahr  stieg  der  ihn  begrüßende  Jubel,  und  bald  war  „Unser  Fritz“
im  Süden  ebenso  beliebt  wie  in  Norddeutschland.  Im  Auftrage  des  Reiches

 

*)  Eine  empfehlenswerte  ausführliche  Lebensbe  chreibung  erschien  im  Verlage

von  Ferdinand  Hirt  &  Sohn  in  Leipzig  aus  der  Feder  des  Hofpredigers  D.  theol.

Rogge  unter  dem  Titel:  Friedrich  der  Dritte,  Deutscher  Kaiser  und  König

7  reußen.  Mit  dem  Bildnis  des  Kaisers  und  vielen  anderen  Abbildungen.
Auflage.