2. Die innere Festigung durch Kaiser Friedrich III. und Kaiser Wilhelm II. 337
Bei seinem Regierungsantritt gelobte Kaiser Wilhelm II.: „In der auswärtigen
Politik bin Ich entschlossen, Frieden zu halten mit jedermann, soviel
an Mir liegt .. In bewegter Zeit habe Ich die Pflichten Meines königlichen
Amtes übernommen, aber Ich trete an die Mir nach Gottes Fügung
gestellte Aufgabe mit der Zuversicht des Pflichtgefühls heran und halte Mir
dabei das Wort des großen Friedrich gegenwärtig, daß in Preußen der König
des Staates erster Diener ist.“ Zur Eröffnung des deutschen Reichstages
erschienen in Berlin fast sämtliche deutsche Fürsten und zeigten dadurch der
Welt, daß die Einheit des Deutschen Reiches trotz des zweimaligen Thronwechsels
nicht im mindesten erschüttert sei. Ausgerüstet mit hohen Gaben
des Geistes sowie mit einem kräftigen, abgehärteten Körper, gesegnet durch
ein äußerst glückliches Familienleben — sechs Söhne und eine Tochter sind
die Freude unseres Kaiserpaares — und getragen von der Liebe und Verehrung
seines Volkes, hat der Kaiser durch Gottes Gnade seine schweren
Pflichten zu erfüllen vermocht. Um vor allem gute Beziehungen zu Rußland
zu pflegen, fuhr der junge Kaiser gleich im ersten Jahre mit einem
glänzenden Geschwader nach Petersburg: es war die erste Fahrt eines deutschen
Kaisers auf deutscher Marine! Ebenso besuchte er die Höfe von Stockholm,
Kopenhagen, Wien, Rom, London und Konstantinopel, um überall die Verhältnisse
aus eigener Anschauung kennen zu lernen.
In den ersten Jahren stand ihm noch Fürst Bismarck als bewährter
Ratgeber zur Seite; aber der schaffensfreudige, willenskräftige Kaiser fühlte
sich durch den fast unbeschränkten Einfluß des großen Kanzlers in seiner Bewegungsfreiheit
beengt; da er auch in wichtigen Punkten, z. B. über die Fortführung
der sozialen Gesetzgebung, mit dem Fürsten nicht übereinstimmte,
entließ er ihn 1890 unter Erhebung zum Herzog von Lauenburg. Grollend
zog sich Bismarck nach Friedrichsruh zurück, hochgeehrt vom deutschen Volke.
Zur großen Freude aller Vaterlandsfreunde kam 1894 eine Aussöhnung
zwischen dem Kaiser und dem Fürsten zustande. Bismarck starb 1898. Unter
seinem Nachfolger, dem Grafen Caprivi, wurde das Verhältnis des Deutschen
Reiches zu Rußland immer schlechter, so daß sich Alexander III. mehr und
mehr den Franzosen näherte und sein Sohn und Nachfolger, Nikolaus I.
(seit 1894), mit ihnen ein förmliches Bündnis schloß. Der Dreibund (S. 313)
besteht noch heute; auch gelang es unserm Kaiser, besonders durch seine
Palästinareise, ein freundschaftliches Verhältnis zu der Türkei herzustellen.
England sieht mit Neid auf den emporstrebenden deutschen Nebenbuhler zur
See, und schon wiederholt, am lebhaftesten während des Burenkrieges, hat
sich eine unfreundliche Stimmung gegen den Bruderstamm offenbart; doch hat
die deutsche Regierung auch hier den Frieden stets zu wahren gewußt.
1890 trat England die Insel Helgoland gegen eine ihm in Ostafrika gewährte
Entschädigung an das Deutsche Reich ab; sie wurde der Provinz
Schleswig-Holstein hinzugefügt.
Das deutsche Heer wurde 1893 abermals vergrößert, seine Friedensstärke
auf fast 600000 Mann erhöht. Jeder wehrtüchtige Deutsche ist
wehrpflichtig; die Dienstpflicht beginnt mit dem zwanzigsten Lebensjahre.
Die Eingestellten dienen sieben Jahre beim stehenden Heer, und zwar die
Hoffmeyer, Unser Preußen. 22