186 8. „Kalt gestellt“ in Petersburg. Pariser Sommerwochen
schrieb er einmal an Motley: „Als Gesandter hatte ich, obschon
Beamter, das Gefühl, ein Gentleman zu sein. Als
Minister ist man Helot.“ Seine Lage, in einem Berliner Gasthofe
wie ein intrigierender Gesandter im Lichte eines Bewerbers
vor Anker zu liegen, widerstrebte seinem Selbstgefühl. Er bat
den Minister Bernstorff ihm entweder ein Amt oder seine Ent—
lassung zu verschaffen.
Am 22. Mai 1862 wurde Bismarck zum Gesandten in
Paris ernannt. Er freute sich, daß er nicht nach London ge—
kommen war. Das Gesandtschaftshaus dort erschreckte ihn. „Ich
werde ganz elend bei dem Gedanken dort eingezwängt zu sein,
— danke Gott täglich, daß wir dort nicht hingeriethen.“ Am
1. Juni übergab er in den Tuilerien sein Beglaubigungsschreiben;
er hatte feierliche Audienz mit Auffahrt im kaiserlichen Wagen
und aufmarschierten Würdenträgern. Sonst war der Empfang
kurz und erbaulich, ohne Politik, die auf un de ces jours
verschoben wurde. Ende Juni war Bismarck in Fontainebleau
beim Kaiser und hatte mit ihm eine längere Unterredung, in
welcher Napoleon auf eine preußisch-französische Allianz zu
sprechen kam, die er nicht als ein abenteuerliches Projekt hinstellte,
er finde zwischen beiden Staaten eine Konformität der
Interessen und darin die Elemente einer entente intime et
durable; man müsse auf alle Ereignisse gerüstet sein und auf
Mittel denken, um Nutzen aus ihnen zu ziehen. Dann eröffnete
er Bismarck, daß in Wien offenbar ein panischer
Schrecken über die Ernennung Bismarcks herrsche; der österreichische
Botschafter Fürst Metternich habe unbegrenzte Vollmachten,
sich mit ihm um jeden Preis zu verständigen; er habe
aber eine fast abergläubische Abneigung, sich mit den Geschicken
OÖsterreichs zu verflechten. Bismarck zog aus dieser Unterredung
nicht die Folgerung, daß Preußen ein Bündnis mit Frankreich
zu suchen habe, wohl aber die, daß Preußen auf treue
Bundesgenossenschaft Osterreichs gegen Frankreich nicht zählen
könne und nicht hoffen dürfe, die freie Zustimmung Osterreichs
zur Verbesserung von Preußens Stellung in Deutschland zu erlangen.