Full text : Unser Preußen.

68  Zweiter  Zeitraum.

offen  sagte  man  in  Wien,  „es  gefalle  Kaiserlicher  Majestät  nicht,  daß  sich  ein
neues  Vandalenreich  an  der  Ostsee  hervorthue“.  Deshalb  wurde  der  Kurfürst
treulos  im  Stich  gelassen;  allein  aber  vermochte  er  Ludwig  XIV.  nicht  entgegenzutreten,
  der  die  Herausgabe  aller  schwedischen  Besitzungen  forderte  und,  um
dies  zu  erzwingen,  Kleve,  Mark  und  Ravensberg  besetzte  und  Minden  belagerte.
  Trotz  aller  Anstrengungen,  durch  Fortsetzung  des  Kampfes  und  durch
Unterhandlungen  günstigere  Bedingungen  zu  erlangen,  mußte  der  Kurfürst
1679  in  den  Frieden  von  St.  Germain  (bei  Paris)  willigen,  in  welchem
er  den  Schweden  alles  ihnen  abgenommene  Land  bis  auf  einen  kleinen  Landstrich
  am  rechten  Oderufer  zurückgab.  Im  Groll  über  diese  Treulosigkeit  und
in  vorahnendem  Geiste  ließ  er  eine  Münze  prägen,  deren  lateinische  Inschrift
in  deutscher  Übersetzung  lautet:  „Möchte  dereinst  aus  meinen  Gebeinen  ein
Rächer  erstehen!“

Auch  sonst  hatte  der  Kurfürst  Ursache,  dem  Kaiser  zu  zürnen.  Schon
31642,  bein  Aussterben  der  hohenzollernschen  Linie  in  Jägerndorf  (S.  34),
hätte  dieses  Fürstentum  an  Brandenburg  fallen  müssen,  der  Kaiser  aber  hatte
es  für  sich  genommen.  1675  war  das  Herzogshaus  von  Liegnitz,  Brieg
und  Wohlau  ausgestorben,  und  der  Kaiser  hatte  auch  dessen  Besitzungen  trotz
des  Erbvertrages  von  1537  (S.  32)  eingezogen.  Von  allen  verlassen,  dazu
noch  von  der  Nache  Schwedens  bedroht,  näherte  sich  der  Kurfürst,  wenn  auch
mit  innerem  Widerstreben,  Ludwig  XIV.,  dem  dadurch  der  Länderraub  am
Rhein  erleichtert  wurde.  Er  zog  mitten  im  Frieden  mehrere  Landstriche  und
Städte  (z.  B.  Saarlouis,  Saarbrücken,  Mömpelgard,  Luxemburg)  und  über
500  Flecken,  Dörfer,  Schlösser  und  Mühlen,  zuletzt  auch  die  freie  Reichsstadt
Straßburg  ein  (1681)  und  behauptete  seinen  Raub.  Das  aus  Not  mit  Ludwig
  XIV.  geschlossene  Bündnis  löste  der  Kurfürst  bald  wieder;  als  der  Kaiser
durch  die  Türken  in  große  Bedrängnis  geriet,  bot  ihm  Friedrich  Wilhelm
gegen  Rückgabe  von  Jägerndorf  und  Gewährung  von  Glaubensfreiheit  für  die
Evangelischen  Osterreich-Ungarns  ein  Hilfsheer  an.  Der  Kaiser  lehnte  dies
ab;  die  Türken  belagerten  Wien,  der  Kaiser  flüchtete;  die  Bürger  aber  verteidigten
  sich  unter  dem  entschlossenen  Rüdiger  von  Starhemb  erg  60  Tage
lang,  bis  ein  deutsches  Heer  unter  Karl  von  Lothringen  und  ein  polnisches
unter  dem  Könige  Johann  Sobieski  der  Stadt  zu  Hilfe  eilte  und  das
türkische  Heer  vor  den  Thoren  Wiens  besiegte  (1683).  Zur  weiteren  Bekämpfung
der  Türken  nahm  der  Kaiser  dann  das  Angebot  des  Kurfürsten  unter  fol—
genden  Bedingungen  an:  der  Kurfürst  stellte  dem  Kaiser  ein  Hilfsheer  von
8000  Mann  und  verzichtete  auf  Jägerndorf,  Liegnitz,  Brieg  und  Wohlau,  erhielt
dafür  den  Kreis  Schwiebus,  sowie  eine  Schuldforderung  auf  Ostfriesland,
wodurch  Brandenburg  die  Aussicht  auf  den  Pfandbesitz  dieses  Landes  erwarb.
Mit  Hilfe  der  brandenburgischen  T  Truppen,  die  unter  den  Generalen  Schöning
und  Barfus  mit  allerseits  bewunderter  Tapferkeit  fochten,  setzte  der  Kaiser
den  Türkenkrieg  erfolgreich  fort.  Die  brandenburgischen  „Feuermänner“
thaten  sich  besonders  bei  der  Zurückeroberung  Ofens  hervor,  indem  sie
als  die  ersten  die  Mauer  erstiegen  und  dadurch  Ungarns  Hauptstadt,  die
150  Jahre  in  der  Gewalt  der  Ungläubigen  gewesen  war,  dem  Kaiserhause
zurückbrachten.