Full text : Zur Vorgeschichte des Weltkrieges.

in  den  Krieg  die  Rede.  Pariser  Blätter  hatten  aber  schon  während
des  Pariser  Aufenthalts  des  Grafen  Murawiew  eine  russische
Einmischung  angekündigt.  Ebenso  hatten  russische  Blätter
schon  im  Oktober  von  einer  russisch-französischen  Verständigung
gegen  England  geschrieben.  Wahrscheinlich  also  war  eine  solche
Gegenstand  der  Unterredungen  des  Grafen  Murawiew  mit  seinem
französischen  Kollegen  Delcassé  in  Paris  gewesen,  und  das  Schwei—
gen  des  Zaren  und  seines  Ministers  in  Potsdam  ließ  nur  darauf
schließen,  daß  ihnen  der  geeignete  Zeitpunkt  noch  nicht  gekommen
zu  sein  schien.  Im  Auswärtigen  Amt  in  Berlin  war  man  jedenfalls
  darauf  vorbereitet,  daß  über  kurz  oder  lang  ein  Fühler  von
Rußland  ausgestreckt  werden  würde.

Ende  Februar  1900  übergab  der  russische  Bot  schafter  Graf
Osten-Sacken  in  Berlin  im  Auftrag  des  Zaren  und  seines  Ministers
  eine  Aufzeichnung,  in  der  die  Frage  gestellt  war,  ob  Deutschland
  geneigt  sei,  mit  Rußland  und  Frankreich  gemeinsam  einen
Schritt  zur  Beendigung  des  Burenkrieges  zu  tun.  Hiervon  wurde
dem  deutschen  Botschafter  in  Petersburg  Anfang  März  mit  dem
Bemerken  Kenntnis  gegeben,  er  möge  sich  zu  Murawiew  dahin
aussprechen,  die  deutsche  Politik  könne  sich  der  Möglichkeit  von
Verwicklungen  mit  anderen  Großmächten  nicht  aussetzen,  solange
sie  mit  feindseligen  Tendenzen  seines  französischen  Nachbarn  zu
rechnen  habe.  Damit  war  die  Gegenfrage  aufgeworfen,  ob  Rußland
  und  Frankreich  bereit  seien,  zusammen  mit  Deutschland  eine
gegenseitige  Garantie  des  europäischen  Besitzstandes  der  drei  Mächte
einzugehen.  Das  war  ungefähr  dieselbe  Gegenfrage,  die  Fürft
Bismarck  im  Jahre  1876  (s.  S.  23)  auf  die  Zumutung  Gortschakoffs
  gestellt  hatte,  im  Falle  eines  russischen  Krieges  gegen  Österreich-Ungarn
  wegen  der  Orientfragen  das  Donaureich  seinem
Schicksal  zu  überlassen.  Graf  Murawiew  erkannte  sofort,  daß  mit
der  deutschen  Antwort  seine  Anregung,  eine  gemeinsame  Vermittlung
  gegen  England  zu  unternehmen,  ins  Wasser  gefallen  war,
weil  sich  doch  Frankreich  auf  die  Garantiebedingung  nicht  einlassen
würde.

Ohne  Zusammenhang  mit  diesem  Gedankenaustausch  sagte
ungefähr  zur  gleichen  Zeit  der  Prinz  von  Wales  zu  englischen
Parlamentsmitgliedern,  England  dürfe  nicht  vergessen,  daß  man

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