Der Berliner Student. Erstes juristisches Examen 23
offenbart sich Shakespearischer Geist. Sie sind voll von der
Kraft eines Genius, reich an Greifbarkeit des Stils, der mit
der Wirklichkeit sich restlos deckt, übersprudelnd von Witz,
frei von blasser Reflexion und trotz schnöder Verachtung der
geistigen Sphäre doch von einer unbändigen Geistigkeit, die den
Erdgeruch der märkischen Scholle an sich trug. Ein Junker war
dieser Bismarck, aber keiner von der Art, wie er sie Scharlach
schilderte, sondern ein Junker in dem hohen königlichen Sinne,
wie der Prinz Heinz von Wales, der später Heinrich V. war,
in dem wir Bismarck zu hören glauben, wenn er sagt:
„Ich kenn' euch all', und unterstütz' ein Weilchen
Das wilde Wesen eures Müßiggangs.
Doch darin tu' ich es der Sonne nach,
Die niederm, schädlichem Gewölk erlaubt
Zu dämpfen ihre Schönheit vor der Welt,
Damit, wenn's ihr beliebt sie selbst zu sein,
Weil sie vermißt ward, man sie mehr bewundre.“
Die ersten Strahlen dieser Sonne brachen durch, als der
Zwanzigjährige in kürzester Frist sein erstes juristisches Examen
machte und mit einem Ernst, wie er sonst nur gereiften Naturen
eigen zu sein pflegt, seine neue amtliche Tätigkeit angriff. Er
war entschlossen, die diplomatische Laufbahn zu wählen, fand
aber, als er sich beim Minister des Auswärtigen Ancillon vorstellte,
wenig Ermutigung. Der Minister war der Meinung,
daß der hausbackene preußische Landadel zur Diplomatie nicht
recht geeignet sei; Erfolge habe er nicht geliefert. Bismarcks
spätere Erfahrung mußte Ancillon recht geben, er fand meist
dann tüchtige Diplomaten, wenn diese aus der militärischen
Stellung kamen; bei Zivildiplomaten aber eine zu starke Reigung
zur Kritik, zum Besserwissen, zur Opposition und zu persönlichen
Empfindlichkeiten, besonders wenn dem preußischen
Edelmann ein Standesgenosse über den Kopf zu wachsen drohte
und dieser außerhalb der militärischen Verhältnisse sein Vorgesetzter
wurde. Auch erblickten diese Diplomaten in der zufälligen
Kenntnis fremder Sprachen, namentlich der französischen,
zu sehr eine Bevorzugung und wurden anspruchsvoller,