Göttinnen und Heldinnen. 89
wir in der Vorstellung von der Glücksgöttin, der Frau
Sälde, welcher wir bei unseren mittelalterlichen Dichtern
nicht selten begegnen, einen Nachhall der Lehre von den
Nornen zu erkennen hätten. Jedenfalls war die pan—
theistische Belebung der Natur mittelst Schaffung von
zahllosen alfischen oder elbischen Wesen, Wasser-, Waldund
Hausgeistern männlichen und weiblichen Geschlechts,
den Skandinaven und Deutschen gemeinsam und Volkslieder
und Märchen wissen bis auf unsere Tage herab zu
erzählen, wie die „Moosfräulein“, die „Nixen“,„Wasserholden“
oder „Mümmelchen“ schönen Jünglingen gern
in Liebe sich gesellten.
Eine sinnvolle Huldigung für das weibliche Geschlecht
liegt in der germanischen Lehre von der Schöpfung des
ersten Menschenpaares. Der jüngeren Edda zufolge
schufen die Götter aus zwei am Meeresstrande neben
einander stehenden Bäumen Mann und Weib. Der
germanische Adam hieß Askr, die germanische Eva hieß
Embla. Dieses Wort bedeutet eine geschäftige Frau und
so wäre schon in dem Namen unserer Ahnmutter die
hausmütterliche Thätigkeit und Wirthlichkeit deutscher
Frauen vorgezeichnet. Merkwürdiger Weise weiß die
germonische Bibel Nichts von einem „Sündenfall" der
Menscheneltern, aber dennoch bietet sie eine Analogie
zu dem jüdisch-christlichen Satze, daß durch das Weib die
Sünde in die Welt gekommen. Die Edda deutet nämlich
in ihrer knappen und dunkeln Sprache auf einen
Sündenfall der Götter, der Asen, hin. Diese, sagt
sie, führten in der Urzeit ein harmloses, unschuldiges,