Frl. Gabesmann. 437
Lehrlinge fordern, daß er einen Brief ohne orthographische Fehler
schreiben kann, und das wird von einem großen Teile der Volksschüler
heute noch nicht geleistet.
Dazu kommt noch vieles andere. Auch die Leistungen im Rechnen
sind uiht so entwickelt, wie sie selbst der Detaillist fordern kann.
Ganz unzureichend sind aber nun die Leistungen der Volksschüler für
den Großhandel. Die Volksschule kann in der knappen Zeit, die ihr zur
Verfügung steht, und bei der geringen Unterstützung, die sie vielfach
durch das Haus erfährt, ihre Schüler für den Großhandel nicht ausreichend
vorbereiten. Aus den Mittelschulen, wo solche überhaupt bestehen,
kann der Großhandel seinen Bedarf nicht ausschließlich decken.
— eine äußerst intensive Weiterbildung ist nötigl
Wir haben auch mit einer Handelsvorschule einen Versuch gemacht,
gedrängt durch das Bedürfnis des Großhandels. Der Großhandel
ist der Ansicht, daß selbst die gut vorgebildeten Mittelschüler
nicht einmal allen Anforderungen entsprechen; außerdem kommen die
Mittelschüler meist im Alter von 15, 16 Jahren, vielfach noch älter
von der Schule herunter und können dann in der Fortbildungsschule
nur einen kurzen Teil des Unterrichts mitnehmen. Man kann sie
auch nicht gleich in die mittlere oder oberste Klasse nehmen, denn
von Buchführung, von Korrespondenz, die in der Unterstufe angefangen
werden, haben sie keine Ahnung. Deshalb haben wir Versuche
mit der Handelsvorschule gemacht, belse einer Schule mit vollem
Tagesunterricht. Ich verkenne nicht, daß ihr manche Vorzüge der
Fortbildungsschule nicht zur Seite stehen. Andererseits ist sie in
der Lage, bei der außerordentlich großen Stundenzahl von wöchentlich
32 Stunden in 40 Unterrichtswochen im Jahre viel zu leisten, und
daß die Jungen nachher alles vergessen, ist meines Exachtens nicht zu
befürchten. Eventuell könnte man diesen Unterricht durch Abendkurse
oder in anderer Weise ergänzen.
Fräulein Meta Gadesmann, Düsseldorf, vom Kaufmännischen
Verband für weibliche Angestellte in Berlin:
Hochgeehrte Versammlung! Zu den Details kann ich mich nicht
äußern, weil die Behandlung der Berufsbildung der weiblichen Angestellten
von vornherein ausgeschlossen wurde. Ich bedauere das
insonderheit deswegen, weil gerade bei den kaufmännischen Angestellten,
die ich hier vertrete, ein Unterschied in der Berufsbildung
nicht zu machen ist, da Männer und Frauen im Handel dasselbe zu
leisten haben.
Ich bedauere den Ausschluß dieser für die Frauen so bedeutungsvollen
Frage aber auch im Interesse aller arbeitenden Frauen, die,
durch die Verhältnisse gezwungen, heute im außerhäuslichen Leben
ihr Brot verdienen müssen, meistens ohne die genügende Vorbildung
für den Beruf zu haben, und die sich infolgedessen, eben weil
ihnen die gründliche Vorbildung fehlt, in vielen Fällen nicht mit
Kopf und Herz in ihre Arbeit hineinstellen können. Wenn man den
Frauen die Berufsbildung gäbe, die die Männer erhalten, dann
würden die Frauen sicherlich weit mehr durch ihre Erwerbsarbeit