Metadata : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Erster Teil. Bis zum zweiten Pariser Frieden. (24)

8  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

heimgeramscht,  den  benachbarten  weltlichen  Fürsten  unterworfen  würden;
und  an  allen  großen  Wendepunkten  der  Reichspolitik  ist  der  nothwendige
Gedanke  der  Sercularisation  seitdem  regelmäßig  wieder  aufgetaucht,  denn
aus  ihm  sprach  die  Natur  der  Dinge.  Aber  das  unheilvolle  Gleichgewicht
  der  Kräfte  und  der  Gegenkräfte,  das  jede  Bewegung  des  Reiches
hemmte,  vereitelte  auch  diese  unabweisbare  Folge  der  Reformation.  Die
Mehrzahl  der  geistlichen  Fürsten  blieb  erhalten,  und  mit  ihnen  die  traumhaften
  Herrschaftsansprüche  der  Sacra  Caesarea  Majestas,  obschon  das
deutsche  Königthum,  das  diese  römische  Krone  trug,  längst  aller  Macht
entkleidet,  alle  Hoheitsrechte  der  alten  Monarchie  längst  übergegangen
waren  in  die  Hände  der  Landesherren.

Zwei  Drittel  des  deutschen  Volkes  außerhalb  der  kaiserlichen  Erblande
  bekannten  das  Evangelium,  desgleichen  alle  mächtigen  Fürstenhäuser
mit  Ausnahme  der  Wittelsbacher  und  der  Albertiner.  Das  amtliche
Deutschland  aber  blieb  katholisch.  Die  Altgläubigen  behaupteten  die
Mehrheit  im  Kurfürsten=  wie  im  Fürstenrathe,  und  das  Kaiserthum  bewahrte
  noch  immer  seinen  halb  priesterlichen  Charakter.  Der  Kaiser
wurde  durch  die  Krönung  „ein  Theilhaber  unseres  geistlichen  Amtes“,
gelobte  dem  Papste  und  der  Kirche  die  gebührenden  geistlichen  Ehren  zu
erweisen;  er  war  von  Amtswegen  Canonicus  mehrerer  katholischer  Stifter
und  empfing  darum  das  Abendmahl  in  beiderlei  Gestalt.  Es  ist  nicht
anders,  unter  dieser  römischen  Theokratie  konnte  die  Ketzerei  rechtlich
nicht  bestehen.  Die  erste  große  politische  That  der  deutschen  Lutheraner
war  jene  Protestation  von  Speyer,  die  dem  neuen  Glauben  den  Namen
gab;  sie  erklärte  rund  heraus,  die  Evangelischen  würden  der  Mehrheit
im  Reiche  sich  nicht  fügen.  Und  also  im  Kampfe  gegen  das  Reich,  wie
er  begonnen,  in  beständiger  Empörung  hat  sich  der  Protestantismus  auch
fürderhin  behauptet.  Er  erzwang  die  Religionsfriedensschlüsse,  dem  alten
Kaisereide  wie  dem  Grundgedanken  des  heiligen  Reichs  schnurstracks  zuwider,
  und  bildete  einen  Staat  im  Staate,  um  die  ertrotzte  Glaubensfreiheit
  gegen  die  Mehrheit  des  Reichstages  zu  sichern.  Das  Corpus
Evangelicorum  blieb  in  milderen  Formen  doch  ein  nicht  minder  anarchischer,
  staatswidriger  Nothbehelf,  als  die  Conföderationen  der  polnischen
Adelsrepublik.

Nur  ein  revolutionärer  Entschluß,  nur  die  Umwandlung  des  heiligen
Reichs  in  einen  Bund  weltlicher  Staaten  konnte  die  Nation  erretten
aus  solcher  Unwahrheit  ihres  politischen  Lebens;  nur  eine  nationale
Staatsgewalt,  die  ehrlich  ihr  weltliches  Wesen  eingestand,  konnte  den
Altgläubigen  wie  den  Evangelischen  auf  dem  Boden  des  Gesetzes  gerecht
werden.  Schon  den  beiden  größten  Publicisten  unseres  siebzehnten  Jahrhunderts
  drängte  sich  diese  Ueberzeugung  auf:  der  Wortführer  der  schwedischen
  Partei,  Hippolithus  a  Lapide  predigte  mit  heißer  Leidenschaft  den
Vernichtungskrieg  wider  das  Kaiserthum;  der  besonnenere  Samuel