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Nun, meine Herren, wie lagen und wie liegen
die Verhältnisse in dieser Beziehung. Wir haben
vor dem Kriege in unserem Kolonialreich mit
seinen rund 12 Millionen Einwohnern, Ein-
geborenen, im ganzen eine Schuttruppe von nicht
ganz 4000 Mann gehabt. Dazu haben wir un-
gefähr ebenso viele tausend Mann Polizisten ge-
habt, die eigentlich mehr Amtsdiener waren, als
tatsächlich schlagfertige Soldaten, die man ohne
weiteres in den Heeresdienst einstellen konnte.
Die eingeborenen Truppen waren beschränkt auf
Ostafrika und Kamerun. In Togo hatten wir
lediglich Polizisten, und in Südwestafrika hatten
wir überhaupt keine Schutztruppen; da hatten
wir lediglich weiße Soldaten, auch nur wenig,
ungefähr 1800. Es liegt auf der Hand, daß
eine so kleine Schar von Soldaten nicht ein-
gerichtet und gerüstet war für einen Kampf mit
weißen Mächten. Dazu war ihre Ausbildung
nicht normiert, dazu waren auch die Waffen nicht
gewählt. Es gab so gut wie keine Artillerie.
Diese Truppen hatten lediglich die Aufgabe, für
Ruhe und Ordnung unter den Eingeborenen zu
sorgen, Eingeborenenaufstände zu unterdrücken
und die Antisklavereibewegung zu unterstützen.
Und diese kleine Anzahl von Truppen in einem
Kolonialreich, das ungefähr viermal so groß ist
wie Deutschland!
Wie lagen aber dieselben Verhältnisse vor dem
Kriege bei unseren Feinden. Frankreich hat seit
dem Jahre 1870 ein großes afrikanisches Kolonial-
reich gegründet und hat sich von vornherein mit
dem Ziel getragen, die afrikanischen Kolonien auch
für Europa militärisch auszunutzen. Es hat sich
in seinen afrikanischen Besitzungen ein stehendes
Heer von etwa 100 000 Mann geschaffen, wobei
ich die nordafrikanischen Besitzungen mit den west-
afrikanischen zusammenrechne. Ebenso hat Eng-
land in seinen afrikanischen Kolonien starke Ein-
geborenentruppen gehabt und hat an den wich-
tigen Küstenplätzen auch ständig weiße Besatzungen
gehabt.
In viel stärkerem Maße als in Afrika hat
England die Eingeborenen in Indien zum Mili-
tärdienst herangezogen.
Also, meine Herren, unsere Feinde, die uns
den Plan einer Militarisierung Afrikas vorwerfen
und dieses Schreckgespenst des deutschen Imperiums
an die Wand malen, haben schon vor dem Kriege
ihre Eingeborenen planmäßig und in großem Um-
fange militarisiert und mobilisiert. Wir haben bei
Kriegsbeginn vergeblich versucht, fußend auf die
Bestimmungen, und noch mehr auf den Geist der
Kongoakte, Afrika zu neutralisieren. Es ist uns
nicht gelungen. England hat nicht gewollt. Bel-
gien hatte einen Anfang gemacht, Frankreich
wollte anscheinend folgen, aber England hatte
abgelehnt mit der Begründung: Wir wollen die
Deutschen überall schädigen, wo es auch seil
Wir handelten bei diesem Versuch der Neutrali-
sierung in Übereinstimmung mit unserer lber-
zeugung von den Pflichten der weißen Rasse
gegenüber den Eingeborenen und in richtiger
Würdigung der Stellung der weißen zur schwarzen
Rasse. Für unsere Feinde war die Versuchung,
ihre militärische Überlegenheit in Afrika aus-
zunutzen, stärker als ihr kolonialpolitisches Ver-
antwortungsgefühl.
So haben sie den Krieg nach Afrika getragen.
Das war nicht alles, sie haben außerdem ihre
Eingeborenentruppen in großer Zahl auf die
europäischen Kriegsschauplätze geschickt. Frankreich
hat die schwarze Rasse zuerst durch freiwillige
Anwerbungen mobilisiert und ist dann bald, als
diese sogenannten freiwilligen Anwerbungen nichts
mehr nutzten, zu Zwangsaushebungen in großem
Stile geschritten. Die Aufstände in Tunis und
anderen französischen Kolonien sind die Antwort
der Eingeborenen auf diese Zwangsmaßregeln der
weißen Herrscher. Übrigens hat auch England,
wie der Regierungsvertreter neulich im Unter-
hause zugeben mußte, auf einen gelinden Zwang
für die Rekrutierung und Aushebung ihrer Ein-
geborenen nicht verzichten können. Auch die Bel-
gier sind unter dem Drucke Frankreichs neuer-
dings gleichfalls im Belgischen Kongo zur Zwangs-
aushebung übergegangen. Das Eingeborenenheer
der Entente — ich habe die Ziffer nicht genau
bekommen können, aber ich glaube, daß ich nicht
überschätze, wenn ich das Eingeborenenheer der
Entente, diese ganze Musterkarte von Farbigen aller
Schattierungen, die im Westen gegen uns kämpfen,
auf mehrere hunderttausend Mann schätze. (Hört,
hört!) Und, meine Herren, wenn unsere Ost-