Full text: Deutsches Kolonialblatt. XXVIX. Jahrgang, 1918. (29)

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Nun, meine Herren, wie lagen und wie liegen 
die Verhältnisse in dieser Beziehung. Wir haben 
vor dem Kriege in unserem Kolonialreich mit 
seinen rund 12 Millionen Einwohnern, Ein- 
geborenen, im ganzen eine Schuttruppe von nicht 
ganz 4000 Mann gehabt. Dazu haben wir un- 
gefähr ebenso viele tausend Mann Polizisten ge- 
habt, die eigentlich mehr Amtsdiener waren, als 
tatsächlich schlagfertige Soldaten, die man ohne 
weiteres in den Heeresdienst einstellen konnte. 
Die eingeborenen Truppen waren beschränkt auf 
Ostafrika und Kamerun. In Togo hatten wir 
lediglich Polizisten, und in Südwestafrika hatten 
wir überhaupt keine Schutztruppen; da hatten 
wir lediglich weiße Soldaten, auch nur wenig, 
ungefähr 1800. Es liegt auf der Hand, daß 
eine so kleine Schar von Soldaten nicht ein- 
gerichtet und gerüstet war für einen Kampf mit 
weißen Mächten. Dazu war ihre Ausbildung 
nicht normiert, dazu waren auch die Waffen nicht 
gewählt. Es gab so gut wie keine Artillerie. 
Diese Truppen hatten lediglich die Aufgabe, für 
Ruhe und Ordnung unter den Eingeborenen zu 
sorgen, Eingeborenenaufstände zu unterdrücken 
und die Antisklavereibewegung zu unterstützen. 
Und diese kleine Anzahl von Truppen in einem 
Kolonialreich, das ungefähr viermal so groß ist 
wie Deutschland! 
Wie lagen aber dieselben Verhältnisse vor dem 
Kriege bei unseren Feinden. Frankreich hat seit 
dem Jahre 1870 ein großes afrikanisches Kolonial- 
reich gegründet und hat sich von vornherein mit 
dem Ziel getragen, die afrikanischen Kolonien auch 
für Europa militärisch auszunutzen. Es hat sich 
in seinen afrikanischen Besitzungen ein stehendes 
Heer von etwa 100 000 Mann geschaffen, wobei 
ich die nordafrikanischen Besitzungen mit den west- 
afrikanischen zusammenrechne. Ebenso hat Eng- 
land in seinen afrikanischen Kolonien starke Ein- 
geborenentruppen gehabt und hat an den wich- 
tigen Küstenplätzen auch ständig weiße Besatzungen 
gehabt. 
In viel stärkerem Maße als in Afrika hat 
England die Eingeborenen in Indien zum Mili- 
tärdienst herangezogen. 
Also, meine Herren, unsere Feinde, die uns 
den Plan einer Militarisierung Afrikas vorwerfen 
  
und dieses Schreckgespenst des deutschen Imperiums 
an die Wand malen, haben schon vor dem Kriege 
ihre Eingeborenen planmäßig und in großem Um- 
fange militarisiert und mobilisiert. Wir haben bei 
Kriegsbeginn vergeblich versucht, fußend auf die 
Bestimmungen, und noch mehr auf den Geist der 
Kongoakte, Afrika zu neutralisieren. Es ist uns 
nicht gelungen. England hat nicht gewollt. Bel- 
gien hatte einen Anfang gemacht, Frankreich 
wollte anscheinend folgen, aber England hatte 
abgelehnt mit der Begründung: Wir wollen die 
Deutschen überall schädigen, wo es auch seil 
Wir handelten bei diesem Versuch der Neutrali- 
sierung in Übereinstimmung mit unserer lber- 
zeugung von den Pflichten der weißen Rasse 
gegenüber den Eingeborenen und in richtiger 
Würdigung der Stellung der weißen zur schwarzen 
Rasse. Für unsere Feinde war die Versuchung, 
ihre militärische Überlegenheit in Afrika aus- 
zunutzen, stärker als ihr kolonialpolitisches Ver- 
antwortungsgefühl. 
So haben sie den Krieg nach Afrika getragen. 
Das war nicht alles, sie haben außerdem ihre 
Eingeborenentruppen in großer Zahl auf die 
europäischen Kriegsschauplätze geschickt. Frankreich 
hat die schwarze Rasse zuerst durch freiwillige 
Anwerbungen mobilisiert und ist dann bald, als 
diese sogenannten freiwilligen Anwerbungen nichts 
mehr nutzten, zu Zwangsaushebungen in großem 
Stile geschritten. Die Aufstände in Tunis und 
anderen französischen Kolonien sind die Antwort 
der Eingeborenen auf diese Zwangsmaßregeln der 
weißen Herrscher. Übrigens hat auch England, 
wie der Regierungsvertreter neulich im Unter- 
hause zugeben mußte, auf einen gelinden Zwang 
für die Rekrutierung und Aushebung ihrer Ein- 
geborenen nicht verzichten können. Auch die Bel- 
gier sind unter dem Drucke Frankreichs neuer- 
dings gleichfalls im Belgischen Kongo zur Zwangs- 
aushebung übergegangen. Das Eingeborenenheer 
der Entente — ich habe die Ziffer nicht genau 
bekommen können, aber ich glaube, daß ich nicht 
überschätze, wenn ich das Eingeborenenheer der 
Entente, diese ganze Musterkarte von Farbigen aller 
Schattierungen, die im Westen gegen uns kämpfen, 
auf mehrere hunderttausend Mann schätze. (Hört, 
hört!) Und, meine Herren, wenn unsere Ost-
	        
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