Full text : Lesebuch für Landwirtschaftliche Winterschulen und ähnliche Anstalten im Königreich Bayern.

—  149  —

korps,  das  die  süddeutschen  Heere  vereinigte  und  bei  welchem  die  Prinzen
des  bayerischen  Königshauses  standen,  war  es  beschieden  den  ersten  kühnen
Vorstoß  ins  Feindesland  zu  wagen;  alle  die  Bahn  versperrenden  Festungen
wurden  zur  Ubergabe  genötigt.  Auch  an  jenen  entscheidenden  Schlachttagen
  vom  30.  August  bis  zum  1.  September  hatten  die  Bayern  den  ruhmvollsten
  Anteil;  bei  Beaumont,  Bazeilles,  Balan,  Sedan  flatterten  die  weißblauen
  Fahnen.  Dem  bayerischen  General  von  Maillinger  wurde  zuerst
unmittelbar  vor  den  Mauern  der  umzingelten  Festung  Sedan  die  Meldung
gebracht,  daß  Kaiser  Napoleon  den  fruchtlosen  Kampf  aufgeben  wolle  und
bereit  sei  sich  zu  ergeben;  bayerische  Reiter  bildeten  die  Begleitung  bei  jener
denkwürdigen  Fahrt  Napoleons  nach  Donchery,  wo  Bismarck,  „der  eiserne
Kanzler“,  die  Bedingungen  der  Unterwerfung  vorschrieb.  Als  das  Ungeheuere,
  Unglaubliche  sich  vollzogen  hatte,  die  Gefangennehmung  einer  Armee
von  100  000  Mann  mit  ihrem  Herrn  und  Kaiser,  wurden  vorzugsweise
bayerische  Krieger  dazu  ausersehen  die  Gefangenen  nach  Deutschland  zu
führen;  denn  neidlos  wurde  von  allen  eingestanden,  daß  sie  im  Entscheidungskampf
  den  ersten  Kranz  errungen.

Im  beispiellos  beschwerlichen  Winterfeldzug  1870—71  bewiesen  die
Bayern  sich  in  jeder  Beziehung  als  vorzügliche  Soldaten.  Gegen  die  französische
  Armee  an  der  Loire,  die  durch  Gambetta  gleichsam  „aus  dem  Boden
gestampft“",  zum  Entsatz  der  eingeschlossenen  Hauptstadt  bestimmt  war,
wurde  General  von  der  Tann  mit  einem  aus  Bayern  und  Preußen  bestehenden
  Heere  abgeschickt.  Die  Siege  bei  Artenay  am  10.  und  bei  Orleans
am  11.  Oktober  öffneten  ihnen  die  Tore  der  Stadt  Orleans.  Zwar  mußte
sie  einige  Wochen  später  dem  an  Zahl  weit  überlegenen  Feinde  geräumt
werden;  es  folgte  der  bange  Tag  von  Coulmiers;  dann  aber,  als  durch
Vereinigung  mit  dem  Korps  des  Prinzen  Friedrich  Karl  einigermaßen  das
Gleichgewicht  der  Kräfte  hergestellt  war,  fand  ein  zweiter  Kampf  statt,
der  mit  dem  Sieg  und  dem  Wiedereinzug  in  die  Loirestadt  am  4.  Dezember
endigte.  Auch  bei  der  Belagerung  von  Paris  sprachen  die  bayerischen  Batterien
  ein  gewichtiges  Wort;  das  Plateau  von  Chatillon  wurde  von  General
Hartmann  im  Sturm  genommen.  Das  Oberkommando  ehrte  die  kühne
Leistung,  indem  es  dieser  Stellung  den  Namen  „Bayernschanze“  gab.  Bald
darauf  war  der  letzte  Wunsch  der  deutschen  Kämpfer  erfüllt.  Paris  erklärte
sich  für  besiegt  (28.  Januar  1871).  Durch  den  Triumphbogen,  den  man
von  der  Bayernschanze  aus  im  Häusermeer  hatte  deutlich  unterscheiden
können,  zogen  die  deutschen  Truppen,  darunter  die  Bayern  an  der  Spitze,
mit  klingendem  Spiele  und  fliegenden  Fahnen.

Zwar  war  der  Krieg  mit  der  Übergabe  der  Hauptstadt  noch  nicht  beendet;
  allein  der  ersehnte  Friede  konnte  nicht  mehr  lange  verzögert  werden.
Der  endgültige  Friedensschluß  wurde  am  10.  Mai  1871  zu  Frankfurt  a.  M.
vallzogen.  Aus  einem  ruhmreichen  Feldzuge  ohnegleichen  brachten  unsere
siegreichen  Heere  die  alten  Reichslande  Elsaß-Lothringen  sowie  Kaiser  und
Reich  zurück.  Nach  Karl  Theodor  Heigel.