Volltext : Die staatsrechtliche Stellung des Königlich Sächsischen Markgrafentums Oberlausitz.

8  2.  Staatsrechtliche  Stellung  der  Oberlausitz  von  1655—1834.  19

Stände  zuständig  ist.  Demnach  ist  die  erste  Instanz,  bis  auf  wenige
Ausnahmen,  ganz  in  den  Händen  der  Stände,  und  auch  die  zweite  In—
stanz,  das  judicium  ordinarium,  ist  ein  Gericht  der  Stände.  Nur  die
dritte  Instanz  ist  dem  Candesherrn  vorbehalten.

Es  muß  hier  noch  bemerkt  werden,  daß  die  Stände  der  Kreise
nicht  blos  an  den  Aemtern  thätig  werden,  sondern  auch  in  ihrer  Gesammtheit
  auf  die  Kreisangelegenheiten  beratend  und  beschlußfassend
Einfluß  ausüben.  Solches  geschieht  in  Görlitz  durch  die  Kreisversammlungen,
  in  Bautzen  durch  dic  ordentlichen  willkürlichen  Landtage.
Die  Sechsstädte  ordnen  ihre  besonderen  Angelegenheiten  auf  Städtetagen,
meist  zu  Löbau,  unter  dem  Dorsitze  von  Budissin.

Teben  den  bisher  erwähnten  Behörden  ist  noch  einer  centralen
Landesbehörde  zu  gedenken,  welche  seit  alter  Seit  den  Landvögten  in
gewissem  Sinne  koordiniert  zur  Seite  steht;  es  ist  dies  die  Landeshauptmannschaft,
  welche  zur  Besorgung  des  landesherrlichen  Finanzwesens
bestellt  ist.  Ihre  Spitze  bildet  der  Landeshauptmann.  Gur  Zesetzung
dieser  Stelle  präsentieren  die  Stände  nach  einem  von  Rudolph  II.  bestätigten
  Orivilegt)  dem  Landesherrn  sechs  adelige,  wohlverhaltene,
taugliche  und  angesessene  Dersonen,  unter  denen  der  Landesherr  zu  wählen
hat.  Es  gehört  zur  Landeshauptmannschaft  noch  der  Kammerprokurator
oder  Fiskal  und  der  Gegenhändler,  der  Kontroleur  des  Landeshauptmanns.
  Die  landesherrlichen  Einkünfte  gehen  bei  der  Landeshauptmannschaft
  ein,  und  werden  von  dieser  meist  an  das  geheime  Finanzkollegium
  abgegeben.  Die  Steuereinnahme  selbst  ist  von  den  Ständen
abhängig.

Meben  dieser  landesherrlichen  Finanzverwaltung  haben  auch  die
Stände  eine  solche.  Sie  schreiben  Anlagen  für  die  Landesbedürfnisse  aus,
deren  Erträge  in  die  ständischen  Kassen  fließen.

Was  die  Kirchenverfassung  betrifft,  welche  mit  dem  Staatsrecht  ja

1)  Kolls.  W.  II.  S.  1582.  1585.
2  *