Full text : Gesetz- und Verordnungs-Blatt für das Königreich Bayern. 1909. (36)

22  Die  Reichsbank  von  1901  bis  zum  Ausbruch  des  Weltkrieges

Das  Jahr  1913  bezeichnet  trotz  der  ungeklärten  politischen  Lage  einen
Höhepunkt  unseres  Wirtschaftslebens.  Die  Kohlenförderung  und  die  Eisenproduktion
  wiesen  im  Jahre  1913  Höchstziffern  auf.  Dazu  kam  eine  außergewöhnlich
  gute  Ernte,  die  das  selten  günstige  Ernteergebnis  des  Vorjahres  noch
übertraf.  Der  wirtschaftliche  Aufschwung  bedingte  eine  starke  Inanspruchnahme
der  Reichsbank,  die  auch  dem  Reiche  von  neuem  hohe  Kredite  geben  mußte.
An  Schatzanweisungen  hatte  sie  am  Jahresschluß  306  Millionen  Mark  in  ihrem
Bestande.  Die  drohende  politische  Lage  veranlaßte  die  Reichsregierung,  mittels
des  Gesetzes  über  Anderungen  im  Finanzwesen  vom  3.  Juli  1913  (RGBl.  S.  521)
eine  Verstärkung  des  Reichskriegsschatzes  um  120  Millionen  Mark  herbeizuführen
und  gleichzeitig  eine  Prägung  von  Reichssilbermünzen,  ebenfalls  bis  zur  Höhe
von  120  Millionen  Mark,  zwecks  Schaffung  einer  Silberreserve  zur  Befriedigung
eines  außerordentlichen  Bedarfs  in  die  Wege  zu  leiten.  Von  den  120  Millionen
Mark  Gold  lieferte  die  Reichsbank  allmählich  zum  großen  Teil  noch  im  Jahre  1913
gegen  Hereinnahme  der  auf  Grund  des  Gesetzes  neu  ausgefertigten  Reichskassenscheine
  zu  5  und  10  Mark  85  Millionen  Mark  an  das  Reich  ab.  Dessenungeachtet
wuchs  der  Goldbestand  der  Bank  angesichts  der  nunmehr  eröffneten  Möglichkeit,
kleine  Noten  ohne  Begrenzung  auszugeben,  in  Verbindung  mit  einem  starken
Anwachsen  der  Ausfuhr  fortgesetzt.  Am  31.  Dezember  betrug  er  1169,97  Millionen
  Mark.  Was  den  Diskontsatz  anlangt,  so  mußte  er  in  Anbetracht  der  starken
Anspannung  des  Geldmarktes  bis  in  den  Herbst  hinein  auf  dem  hohen  Stande
von  6%  belassen  werden.  Erst  am  27.  Oktober  konnte  die  Reichsbank  den  Satz
auf  57/8%  und  am  12.  Dezember  auf  5%  ermäßigen.

Die  Periode  aufwärtsstrebender  geschäftlicher  Konjunktur  wurde  erst
durch  den  Ausbruch  des  Weltkrieges  beendet.  Die  schon  im  letzten  Teil  des
Jahres  1913  beobachtete  flüssige  Gestaltung  des  Geldmarktes  war  dieser  Entwicklung
  günstig.  Die  Kreditanforderungen  der  Wirtschaft  an  die  Reichsbank
ließen  nach,  während  das  Reich  allerdings  wieder  wachsenden  Geldbedarf  zeigte.
Die  Zinssätze  schwächten  sich  weiter  ab.  Schon  am  22.  Januar  konnte  der
Diskontsatz  auf  4½%  und  am  5.  Februar  auf  den  Stand  von  4%  ermäßigt
werden,  auf  dem  er  bis  zum  31.  Juli  verblieben  ist.  Die  günstige  Bilanz  der
Goldein=  und  -ausfuhr  des  Vorjahres  setzte  sich  fort.  Am  23.  Juli  1914  konnte
die  Reichsbank  mit  1371,1  Millionen  Mark  den  höchsten  Goldvorrat  der  Vorkriegszeit
  aufweisen.  "