bildungslehrgängen erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten
sehr zustatten. Der Landwirt kommt oft in die Lage, sich
handwerklich zu betätigen, für ihn gilt in besonderem
Maße das Dichterwort, daß die Art im Hause den
Zimmermann erspart. Deshalb können alle aus ländlichen
Verhältnissen stammenden Kriegsbeschädigten, sie seien berufsmäßige
Handwerker oder nicht, kaum genug Anregung
in den Lehrwerkstätten geboten bekommen. Namentlich die
Holz= und Metallbearbeitung mit ihren zahlreichen Arbeitsvorgängen,
die Sattlerei, Schuhmacherei sind Gebiete,
auf denen der ländliche Arbeiter mehr oder weniger zu
Hause sein muß.
In manchen Gewerben, z. B. der Schneiderei und Schuhmacherei,
handelt es sich meist um Ausbesserungsarbeiten.
Viele Kriegsbeschädigte sind in den Lazaretten zu „Flickschustern“
ausgebildet worden und werden später ihre
Tätigkeit im abgeschiedenen Dorfe sich und anderen zum
Nutzen ausüben. Andere wieder haben durch Mitarbeit in
den Ersatzgliederwerkstätten gar manchen wertvollen Handgriff
gelernt, durch dessen Ausübung sie daheim sich unentbehrlich
machen können.
Außer den bei der Heimindustrie besprochenen Gewerben
treten noch verschiedene hinzu, die sich besonders dem Betrieb
auf dem Lande anpassen. Es sei hier die Korbmacherei
hervorgehoben, die sich namentlich für solche Gegenden
eignet, in denen Weidennutzungen vorhanden sind oder vorteilhaft
angelegt werden können. UÜberdies lohnt der Anbau
geeigneter Weiden an sich schon, denn die Korbflechterei
war bisher, soweit es sich wenigstens um feinere Gegenstände
handelte, auf ausländische, namentlich franzäösische,
Weidenarten angewiesen.
Im großen und ganzen wird sich die ländliche handwerkliche
Heimarbeit, soweit es sich nicht um ein ausschließlich
berufsmäßiges Gewerbe handelt, im Rahmen der sog.
Winter füllarbeit vollziehen. Die große Bedeutung derselben,
namentlich nach der Seite hin, der darauf angewiesenen
ländlichen Bevölkerung, eine Ergänzung zu dem sonst
oft nicht hinreichenden Verdienst zu bieten und sie dadurch
an der Abwanderung zu hindern, ist schon seit Jahren
anerkannt. Namentlich die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft
hat die Förderung dieser Angelegenheit energisch verfolgt.
Auch hier ist die Werktätigkeit in den Lazaretten und
Lehrwerkstätten, von den einfachsten Beschäftigungsarbeiten
bis zur zielbewußten Werkstattarbeit, für die Kriegebeschädigten
von größtem Nutzen. Abgesehen davon, daß sie
mit den verschiedensten Werkzeugen und Arbeitsweisen vertraut
werden, lernen sie auch mancherlei Gegenstände anfertigen,
deren Herstellung mehr als bloßen Zeitvertreib
oder die Befriedigung eigner Bedürfnisse bedeutet. Sicherlich
scheiden eine Menge derartiger Lazarettarbeiten aus,
wenn man sie daraufhin prüft, ob ihre planmäßige Anfertigung
lohnenden Verdienst und fortlaufende Absatz-Möglichkeiten
gewähren. Aber verschiedene Flechtereien,
namentlich solche, die Gebrauchsgegenstände darstellen, ferner
Holzspielsachen sind immer, sofern sie sachgemäß hergestellt
werden, im Handel begehrt und werden gut bezahlt.
Allerdings ist es notwendig, daß der Hersteller
mit einem Großhändler in Verbindung steht, sich also nicht
mit dem Verkauf unmittelbar befaßt.
Die vorstehend besprochenen Umstände beweisen demnach,
daß es im dringendsten Interesse unserer aus ländlichen
Verhältnissen stammenden Kriegsbeschädigten liegt,
daß sie ihrem Berufe treu bleiben. Darüber hinaus ist
auch bei einem Berufswechsel von Arbeitern aus der Stadt
oder überhaupt aus industriellen Gegenden, sofern Neigung
und Liebe zum Landleben vorhanden ist, die Einarbeitung
in die Landwirtschaft, sowie in die in Betracht
kommenden Gewerbe anzustreben. Den Kriegsbeschädigten
selbst wird dadurch fast ausnahmslos der beste Dienst er-450
wiesen. Der Sozialpolitiker aber wird jede Bereicherung der
ländlichen Volkskraft von Herzen begrüßen.
Ein weiteres umfangreiches Gebiet der Kriegobeschädigtenfürsorge
umfaßt das große Reich des Handels. Hierbei
sind die Grenzlinien schwer zu ziehen. Denn ebenso,
wie der Handel in Ausläufern sich überallhin ausbreitet,
sind auch die Handelsbeflissenen in den meisten Berufszweigen
vertreten. Auch der engerumschriebene Begriff
„Kaufmann“ ist ja noch so dehnbar, daß man bestimmte
Abgrenzungen nur willkürlich feststellen kann. Bei der Fürsorge
um die kriegsbeschädigten Angehörigen des Kaufmannsstandes
muß darum zuerst festgestellt werden, welchen
besonderen Berufskreisen die Betreffenden entstammen.
Was schon wiederholt gesagt wurde, gilt auch hier: Zuug
von Außenstehenden ist möglichst fernzuhalten und die
irrige Meinung vieler, daß es mit einigen oberflächlichen
Kenntnissen möglich sei, eine angenehme Stellung zu erhalten,
ist mit allem Nachdruck zu bekämpfen.
Zunächst ist zu unterscheiden zwischen dem geschulten, han-
Metallarbeiter mit Behelfs-(Arbeits) Arm
(Lehrwerlslätten für Krlegsbeschädlgte in Leipzig)
delswissenschaftlich gebildeten kaufmännischen Angestellten
und dem Kontor= und Hilfsdiensipersonal im Handelsbetrieb.
Daß die Bildung der ersteren nicht eingehend und tiefgründig
genug sein kann, weiß jeder, der von der Bedeutung
des Handels an sich überzeugt ist. Und daß von
einem Mangel an geschulten Kräften nicht die Rede sein
kann, ist auch dem Fernerstehenden bekannt. Der Kaufmannsstand
bietet nur dem Tüchtigen, und hier noch
nicht einmal immer, wirklich das, was dieser erwartet.
Die Kriegsbeschädigtenfürsorge ist darum bestrebt, den aus
dem Felde heimkehrenden Handelsbeflissenen Gelegenheit
zur Weiterbildung zu geben und dafür zu sorgen, daß solche,
die sich dem Kaufmannsstande unbedingt zuwenden wollen,
dies nur tun, wenn die Vorbedingungen derart sind, daß
von vornherein ein Durchlaufen der Ausbildungslehrgänge
erfolgreich erscheint. #
Sehr vielen kriegsbeschädigten Kaufleuten werden die
Weiterbildungsgelegenheiten willkommen sein. Ist doch der
Bildungsgang der Handlungslehrlinge so verschieden und
so ungleichwertig, daß in den meisten Fällen eine Vertiefung
der Kenntnisse, mindestens aber eine Auffrischung
derselben geboten erscheint. Nicht jeder hatte Gelegenheit,
sich nach Beendigung seiner Lehrzeit theoretisch und praktisch
zu vervollkommnen. Mehr aber als in jedem anderen
Berufe muß gerade der junge Kaufmann bestrebt sein, seinen
Gesichtskreis zu erweitern.