Full text : Sozialdemokratie, Christentum, Materialismus und der Krieg.

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gegenüberstehende  herrschende  Ansicht  der  Kirche  wurde  im  Gegensatz
hierzu  als  Realismus  bezeichnet.  Letztere  stützte  sich  auf  die  Ansicht
des  Platon,  nach  der  das  Allgemeine  in  den  Dingen  dem  Besonderen
vorangehen  soll.  Nach  dieser  Ansicht  ist  z.  B.  im  Menschen  das  rein
Menschliche  als  Begriff  der  Gattung  das  Ursprüngliche,  d.  h.  nach
Platon  die  Idee,  die  als  Urbild  von  Gott  stammt  und  die  für  sich
Realität  besitzt.  Hingegen  ist  das  Individuelle,  d.  h.  das  Persönliche
durch  Raum,  Zeit  und  Materie  hinzugekommen.  Diese  Annahme
drückt  der  extreme  Realismus  durch  die  Formel  aus:  Universalia
ante  rem.  .

Die  Scholastiker,  die  den  obigen  Realismus  erheblich  zu  mildern
versuchten,  ließen  nur  die  Formel  gelten:  Universalia  in  re.  Der
Realismus  dieser  Anschauung,  der  weiter  oben  bei  Thomas  von  Aquino
bereits  näher  erörtert  ist,  stützte  sich  auf  die  Lehre  des  Aristoteles,  nach
der  der  Begriff  der  Gattung  nur  im  Individuellen  eine  reale  Existenz
hat.  Auch  diese  Ansicht  läßt,  wie  wir  bei  der  Philosophie  des  heiligen
Thomas  gesehen  haben,  sowohl  noch  eine  Dreieinigkeit  Gottes  als  auch
eine  unabhängige  Seele  des  Menschen  zu.  Während  also  nach  Platon
das  Prinzip  der  Individuation  vor  den  Dingen  existiert,  legten
Aristoteles  und  nach  ihm  die  Scholastiker  dieses  in  die  Dinge  selbst.
Noch  weiter  in  dieser  Richtung  gingen  nun  die  Nominalisten,  die  sich
zu  dem  Standpunkt  bekannten,  daß  nur  die  Individuen  selbst  reale
Existenz  haben  und  daß  Gattungen  und  Arten  nur  Zusammenfassungen
des  Ahnlichen  sind.  Mit  dieser  Anschauung  kamen  sie  zu  der  Formel:
Universalia  post  rem.  .

Der  Nominalismus  hatte  seine  namhaftesten  Vertreter  in  dem
Franzosen  Roscellinus  und  in  dem  Engländer  Wilhelm  von  Occam.
Während  der  erstere  nur  die  Folgerung  zog,  mit  der  nominalistischen
Anschauung  das  Dogma  von  der  Trinität  Gottes  unhaltbar  zu  machen,
ging  der  letztere,  der  in  der  ersten  Hälfte  des  14.  Jahrhunderts  lebte,
Franziskaner  und  ein  Schüler  des  Duns  Skotus  war,  in  politischer
Beziehung  noch  dadurch  weiter,  daß  er  sich  in  dem  Kampfe  der  Hierarchie
und  päpstlichen  Anmaßung  mit  der  weltlichen  Macht  auf  die  Seite  der
letzteren  stellte.  Ferner  suchte  er  bereits  sehr  richtig  das  Allgemeine
nicht  in  den  Dingen  selbst,  sondern  in  der  Auffassung  des  denkenden
Geistes,  der  das  Gemeinsame  verschiedener  Dinge  unter  gleichem  Ausdruck
  vereinigt.  Die  Abstraktion,  durch  welche  das  Allgemeine  in
unserem  Geiste  gebildet  wird,  setzt  nach  ihm  keine  Aktivität  des  Verstandes
  oder  des  Willens  voraus,  sondern  sie  ist  eine  unmittelbare
Folge  der  Wahrnehmung.  «  ·

Es  läßt  sich  nicht  verkennen,  daß  Occam  in  Anerkennung  des
Konkreten  als  des  Wesentlichen  alles  auf  ein  körperliches  Ursachsver-