Full text : Unser Preußen.

54  Zweiter  Zeitraum.

zu  können,  trotz  der  größten  Sparsamkeit  selber  Geld  leihen.  Aber  als  das
Land  nur  erst  wieder  von  den  fremden  Kriegerscharen  befreit  war,  erwachte
auch  die  Arbeitslust  wieder.  Den  jüngeren  Banernsöhnen  wies  der  Kurfürst
wüst  liegende  Höfe  an,  und  er  gebot  den  Bauern,  die  mit  Gebüsch  bewachsenen
  Acker  wieder  urbar  zu  machen  und  bei  ihren  Wohnungen  Gärten
anzulegen;  kein  Bauer  sollte  heiraten,  der  nicht  vorher  wenigstens  sechs  Obstbäume
  veredelt  und  sechs  Waldbäume  gepflanzt  habe.  Er  ging  seinen  Unterthanen
  mit  dem  besten  Beispiele  voran.  Er  ließ  an  den  Landstraßen  Bäume
pflanzen  und  beschäftigte  sich  in  seinen  Erholungsstunden  gern  mit  Gartenbau:
  er  beschnitt  und  veredelte  Obstbäume  und  Nosen,  fischte  eigenhändig
seinen  Karpfenteich  aus  und  hat  den  ersten  Blumenkohl  in  der  Mark  gebaut.
Hierbei  wurde  er  von  seiner  edlen  Gemahlin  Luise  Henriette  aufs  beste
unterstützt.  Auf  ihre  Bitte  erhielt  sie  von  ihrem  Gemahle  die  Domäne
Bötzow,  auf  der  sie  eine  holländische  Musterwirtschaft  anlegte.  Sie  berief
aus  ihrer  Heimat  geschickte  Gärtner  und  Landwirte  und  pflanzte  die  ersten
Kartoffeln  in  der  Mark;  auch  zog  sie  holländische  Kolonisten  unter  günstigen
Bedingungen  herbei.  Nach  ihren  eigenen  Angaben  wurde  eine  Milchwirtschaft,
ein  Park,  ein  Gemüse=  und  Blumengarten  angelegt,  sowie  ein  Landhaus  gebaut,
  das  ihr  zu  Ehren  den  Namen  Oranienburg  erhielt.  Später  hat
auch  das  Dorf  Bötzow,  das  sich  allmählich  erweiterte  und  Stadtgerechtsame
erlangte,  diesen  Namen  angenommen.  Aber  die  Kurfürstin  kümmerte  sich
nicht  nur  um  Gartenbau  und  Viehzucht,  sondern  noch  eifriger  um  Unterricht
und  Erziehung  der  Jugend,  um  Armen=  und  Krankenpflege;  dafür  hing  aber
auch  das  Volk  mit  ganzem  Herzen  an  der  lieben  Landesmutter,  und  der
Name  „Luise“  ward  sein  Lieblingsname.  Das  von  ihr  in  Oranienburg  gestiftete
  Waisenhaus  erhält  ihr  Andenken  im  Volke  noch  heutce  lebendig.

Ein  anderes  gutes  Vorbild  sollten  die  Domänen  sein.  Bisher  wurden
dieselben  durch  Amtsschreiber  verwaltet,  und  die  gewonnenen  Erzeugnisse  teils
für  den  Haushalt  des  Landesherrn,  teils  zur  Besoldung  der  Staatsdiener
verwandt;  an  Gewinn  war  nicht  zu  denken,  nicht  selten  mußte  noch  etwas
Hinzugekauft  werden.  Friedrich  Wilhelm  verließ  diese  Naturalwirtschaft
und  ging  zur  reinen  Geldwirtschaft  über,  indem  er  seine  Diener  größtenteils
auf  ein  bestimmtes  Jahrgeld  setzte  und  die  Domänen  verpachten  lich.
Wüsteneien  wurden  jetzt  in  blühende  Kornfelder,  Sümpfe  in  lachende  Wiesen
umgeschaffen,  wodurch  die  Einnahmen  des  Landesherrn  vergrößert  wurden.

Für  die  Hebung  der  Städte,  für  Handel  und  Gewerbe  war  der
Kurfürst  nicht  weniger  thätig.  Er  gewährte  denen,  welche  sich  an  den  verlassenen
  Stellen  in  der  Stadt  anbauten,  das  Bürgerrecht  und  erleichterte
ihre  Aufnahme  in  die  Zünfte,  zog  geschickte  Glasschleifer,  Maler  und  Vergolder
  aus  Böhmen  ins  Land,  legte  Glashütten,  Glasschleifereien  und  Eisenhämmer
  an  und  unterstützte  die  Errichtung  von  Webereien.  Der  Zoll  auf
ausländische  Waren  wurde  bedeutend  erhöht,  die  Ausfuhr  von  Rohstoffen  dagegen
  erschwert,  die  der  Wolle  verboten.  Schon  in  den  ersten  Jahren  seiner
Regierung  errichtete  der  Kurfürst  einc  ostindische  Handelsgesellschaft  und
unterhandelte  mit  den  Dänen  über  Abtretung  einer  Kolonie  an  Brandenburg,
damals  allerdings  noch  ohne  Erfolg.  Dagegen  vervollkommnete  er  das  von