18 Impf-Gesetz. Einleitung.
Aehnlich , wie die Statistik, auf die man sich gegen die Vorlage berufen, beschaffen
ist, ganz ähnlich stelıt es mit allen anderen Angaben, die man Ihuen gegen die Impfung
vorgeführt hat.
M. H., dann hat man angeführt: es ist doch der Scliaden, der durch die Impfung
entstcht, cin zugegebener und wahrscheinlich cin viel grösserer, als heute nachgewiesen
werden kann. Man hat sieh dagegen gesträubt, dass man cin Gift dem menschlichen
Körper einimpfe. Wir haben ganz das Gleiche mit dem Chinin erlebt, auch ein Gift,
welches aber die Sumpf-Giftkrankheiten und das Wechselfieber heilt. Das Chinin ist
seit dem Jahre 1640 in Europa eingeführt, und bis in die ersten Jahrzehnte dieses Jahrhunderts
hat der Streit gedauert, ob man nicht durch dieses Gift die Menschen dezimire,....
..... In welcher Weise nun die Nachtheile des Impfens von nnsern Gegnern geschildert
werden, davon erlauben Sie mir, Ihnen eine kleine Probe zu geben. In Württenberg
selbst ist der Hauptheerd der Agitation gegen die Impfung, von dort aus wird
von Stuttgart das eigentliche Material nach allen Himmeisgegenden versendet. Da
finden Sie nun die Folgen der Impfung folgendermassen geschildert:
»nDas Volk in Württemberg ist durch die Impfung ganz verderbt an Leib und
Seele und dem Untergang verfallen. Kopf, ‘Gesicht und Hals der Geimpften sind zum
Oelkopf geworden, als Malzeichen Kains der allgemeinen Vergiftung. Die Schmutzölfarbe
bezeichnet die moderne Verwüstung des Antlitzes der Deutschen, die mit
nem, Finger sich nicht wegdrücken, mit Arznci oder Kosmetik nicht wegkuriren
Asst. «wc
Und so weiter! M. H., Sie werden mir nicht zumuthen, dass ich näher auf solche
Geistesblüthen eingehe. Nun glaube ich mit dem hochverdienten Dr. Kless in Stuttgart,
dass es allerdings zu den schwarzen Punkten Württembergs gehört, dass dort
dieser Hecrd der Agitation gegen das Impfen sich gebildet hat, und dass von dort mit
einem unglaubliehen Mass von Verdrehung, Entstellung, Lüge und Bosheit gegen eine
der segensreichsten Errungenschaften der Erfahrung und Wissenschaft agitirt wird... .
M. H., es wird dann angeführt, dass die Syphilis übertragen werde. Es ist das
leider richtig, aber es kann vermieden werden, und wie ausserordentlich gering die
Zahl der Fälle ist, in denen sie übertragen wurde, haben Sie bereits ans früheren Reden
entnommen. Ich erinnere auch da nur an die Geschichte der Syphilis. M. H., denken
Sie doch zurück an die Zeiten Huttens, denken Sie zuriick an seine Schriften, die er
über die Heilwirkung des Guaiakholzes gegen diese geschrieben und seinem Kurfürsten
dedizirt hat; denken Sie zurück an die ausserordentliche Ausbreitung dieser Seuche,
damals lange vor der Impfung. Wie können Sie heute die Existenz der Syphilis in
unserer Bevölkerung, ihre angebliche Vermehrung mit dem Impfen in Zusammenhang
bringen ! — Daun soll auch die -Skrophulose und Tuberkulose übertragbar sein. Nun,
es ist das noch nicht nachgewiesen; ich persönlich gebe aber die Möglichkeit zu, dass
es scschehen kann. Nun sehen Sie z. B. in der Schweiz in den Hospitälern von Davos,
in denen Fälle von Skrophulosc oder Tuberkulose unter der einheimischen Bevölkerung
beinahe nicht vorkommen, seit Jahrzehnten den Impf-Arzt von Chur aus dem Thale, wo
Skrophulose, Tuberkulose und Syphylis durchaus nicht selten sind, in dieses Hochthal
hinaufwandern und die Bevölkerungimpfen ; auch heute sehen Sie dort von Skrophulose,
Tuberkulose und Syphilis kaum eine Spur.
Es erübrigt mir nur noch, Ihnen die medizinischen Thatsachen anzuführen, die nach
meiner Meinung für den Impfzwang sprechen. Es sind nicht, wie der H. Abg. Reimer
erklärt hat, die Blattern eine Folge der Luft, des Bodens, kurz sie sind keine klimatische
Krankheit, sie sind überhaupt für uns kein nothwendiges Uebel. Wir kennen
sie in Europa seit etwa 1300 Jahren und in.Deutschland seit etwa 400 Jahren. Mögen
sie nun in ihrer ursprünglichen Heimath entstanden sein, wie sie wollen, bei uns wird
kein Mensch blatternkrank, der nieht das Gift von einem andern Blatternkranken in
sich aufnimmt, ebenso wie bei uns kein Mensch cholerakrank wird, der nicht das Cholera-Kontagium
in sich aufnimmt, trage er nun cine Magenbinde oder keine. Nım
wenn die Blattern eine so eminent austeckende Krankheit sind, so ist der Ungeimpite
für seine Umgebung eine Gefahr. Wir wissen, dass die Revaceination nicht fir das
ganze Leben schützt; nach einer gewissen Reihe von Jahren müssen wir die Revaceination
wieder vornehmen; der Ungeimpfte, der nicht Revaceinirte ist der Gefahr,
blatternkrank zu werden, in hohem Grade ausgesetzt und deshalb auch eine Quelle der
Gefahr für seine Umgebung. Aus den Gründen ist vom medizinischen Standpunkt aus
der Vaccinations- und Revaceinations-Zwang erlaubt und geboten... ....
Die Blatternnoth zur Zeit Jenners hat unsere Generation vergessen : nusere Zeit weiss
nichts mehr von den vielen Fehlern nnd Krankheiten, die auch nach überstandenen
Blattern zurückgeblieben sind; unsere Zeit weiss nichts mehr von deu hässlichen Andenken,
die die Blattern in Gestalt von Taubheit, Blindheit, Lähmung, Knochenfrass,