Full text : Geschichte der Deutschen Frauenwelt. Erster Band. (1)

20  Buch  l.  Kap.  1.

daß  gerade  in  der  religiös-dogmatischen  Fixirung  dieser
Vorstellung  von  Autochthonie  in  dem  nordischen  Mythus
vom  Urriesen  Ymir  eine  Erinnerung  an  die  alpenhafte
indogermanische  Urheimat  am  Hindukusch  nachklingen
könnte  41).  Freilich,  sowie  wir  aus  den  ahnungereichen
Nebelregionen  phantastischer  Mythen  auf  den  festen  Grund
geschichtlicher  Zusammenhänge  vorschreiten  möchten,  gähnt
uns  eine  Kluft  entgegen,  über  welche  eben  nur  die  Einbildungskraft
  eine  Brücke  zu  schlagen  vermag.  Der  Faden
historischer  Tradition,  welcher  die  europäischen  Indogermanen
  mit  den  asiatischen  verknüpfen  sollte,  ist  gerissen.
Die  Germanen  wußten  nicht,  ob,  wann  und  wie  sie  aus
Asien  gekommen.  Noch  mehr,  bevor  sie  in  Folge  des
feindlichen  Gegensatzes,  welchen  die  germanische  Welt  zur
griechisch=  römischen  bildete,  in  die  Weltgeschichte  eingeführt
  wurden,  hatten  sie  überhaupt  keine  Geschichte  oder
ist  uns  dieselbe  wenigstens  nur  im  Gewand  der  Sage
überliefert  worden,  und  da  an  diesem  Gewande  nicht  nur
die  ganze  heidnische  Zeit,  welche  von  der  Ansiedelung
unserer  Altvorderen  in  Europa  bis  zu  ihrer  Berührung
mit  den  Römern  verfloß,  sondern  auch  noch  manche  christ-4)

  Rückert  (Kulturgesch,  d.  d.  Volkes  z.  Z.  d.  Ueberg.  a.  d.
Heidenth.  in  d.  Christenth.  I,  51)  verwirft  diese  Möglichkeit,  indem
er  meint,  der  Mythus  vom  Urriesen  Ymir,  also  die  nordisch-germanische
  Lehre  von  der  Entstehung  der  Welt,  könne  nach  „der  dabei
  verwandten  landschaftlichen  Dekoration  von  Eis  und  Schnee“
nur  in  Skandinavien  selbst  entsprungen  sein.  Er  hat  aber  vergessen,
daß  es  in  der  muthmaßlichen  Urheimat  der  Germanen  am  Paropamisos
  ebenfalls  Schneelager  und  Gletscher  gab.