Full text : Preußische Geschichte. Dritter Band. (3)

412  Sechstes  Buch.  Erniedrigung  und  Wiedergeburt.

vermöge.  Ein  leuchtendes  Vorbild  gab  auch  die  Art,  wie  die
Bürgerschaft  unter  dem  greisen  Joachim  Nettelbeck,  der  schon
die  russische  Velagerung  mitgemacht  hatte  (S.  122),  opferfreudig
  mit  der  heldenmütigen  Besatzung  zusammenwirkte,  während
  des  Dragonerleutnant  Ferdinand  v.  Schill  Streifzüge,  die
den  Feind  weithin  beunruhigten,  bewiesen,  daß  kecker  Reitermut
der  preußischen  Kavallerie  noch  nicht  abhanden  gekommen  war.

So  wenig  diese  vereinzelten  Erfolge  die  Trostlosigkeit  der
Lage  besserten,  sie  richteten  doch  den  Mut  auf  und  halfen  kräftiger
  Entschlossenheit  vollends  zum  Siege  über  die  bisherige
Halbheit.  Es  war  doch  kein  Geringes,  wenn  der  König  in  denselben
  Tagen,  wo  er  Stein,  der  ihm  den  Weg  zur  Rettung
zeigte,  von  sich  stieß,  es  über  sich  gewann,  durch  Beyme  seine
Sache  in  warmen  Worten  an  das  Herz  des  Volkes  zu  legen.
Indem  er  am  1.  Dezember  den  Entschluß  zur  Fortsetzung  des
Krieges  bekannt  gab,  appellierte  er  an  die  Nation,  die  den
siebenjährigen  Kampf  ruhmreich  bestand  und  nicht  verzweifelte,
noch  in  der  Treue  wankte,  als  damals  wie  mit  der  Hauptstadt
  der  größte  Teil  des  Reiches  in  die  Gewalt  der  Feinde
gefallen  war.  Mehr  als  damals  gelte  es  jetzt  die  Erhaltung
alles  dessen,  was  der  Nation  ehrwürdig  und  heilig  sei:  nur
für  Unabhängigkeit  und  Selbstandigkeit  habe  der  König,  wie
die  Nation,  wie  die  Welt  wisse,  die  Waffen  ergriffen.  Solche
Worte  zeigten:  die  durch  eine  lebensgefährliche  Krisis  angebahnte
Genesung  schritt  fort.  Stillständc  und  Rückschläge  freilich  blieben
nicht  aus,  und  gelegentlich  schienen  Kleinmut  und  fatalistische
Resignation  obzusiegen.  Nur  die  Königin  schwankte  nicht:  wahrhaft
  königlichen  Charakter  entwickelnd,  war  nach  dem  Zeugnis
Heinrich  v.  Kleists  sie  es,  die  das  hielt,  was  noch  nicht  zusammengestürzt
  war.

Bis  zur  Weichsel  war  Preußen  verloren.  Dort  wollte  man
Widerstand  leisten,  gestützt  auf  Thorn,  Graudenz  und  Danzig
und  mit  Hilfe  der  anrückenden  Russen.  Denn  man  selbst  hatte
keine  25  000  Mann  bei  einander.  In  Graudenz  hatte  der  greise
Courbière  im  Notfall  den  preußischen  Staat  überdanern  zu
wollen  erklärt,  in  Thorn  Lestocq,  ebenfalls  hochbetagt  und  weder
persönlich  noch  geistig  der  Befehlsführung  recht  gewachsen,  doch