Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Zweiter Teil. (58b)

heiten  sind  Gemütswahrheiten,  für  den  Gläubigen  ebenso  sicher,
ja  noch  sicherer,  als  was  sich  messen  und  greifen  läßt,  doch  für
den  Ungläubigen  gar  nicht  vorhanden;  die  Religion  ist  ein  sub—
jektives  Bedürfnis  des  schwachen  Menschenherzens  und  eben  darum
kein  Gegenstand  des  Meinungskampfes.  Denn  über  des  Menschen
sittliche  Würde  entscheidet  nicht,  was  er  glaubt,  sondern  wie  er
glaubt.  Allzuoft  haben  wir  erlebt,  wie  ein  und  derselbe  Glaube
den  einen  zum  Größten  begeisterte,  den  anderen  in  widrige  Ge—
meinheit  stürzte.

Über  diese  Fragen  denken  die  kühneren  Geister  der  Gegenwart
radikaler,  als  das  achtzehnte  Jahrhundert.  Die  Philosophen  jener
Epoche  meinten  zumeist,  ohne  Glauben  an  Gott  und  Unsterblichkeit
  bestehe  echte  Tugend  nicht.  Die  Gegenwart  bestreitet  dies,
sie  erklärt  rund  und  nett:  die  Sittlichkeit  ist  unabhängig  vom
Dogma.  Wir  haben  inzwischen  gelernt,  wie  grundverschiedene
Dinge  unter  dem  Namen  der  Unsterblichkeit  begriffen  werden.  Daß,
wie  wir  das  Schaffen  großer  Männer  und  ganzer  Völker  handgreiflich
  fortwirken  sehen  von  Geschlecht  zu  Geschlecht,  so  auch  der
schwächste  Sterbliche  ein  notwendiges  Glied  ist  in  der  großen
Kette  der  Geschichte,  daß  darum  keine  unserer  Taten  ganz  verloren
geht,  keine  wieder  zu  vertilgen  ist  durch  äußerliche  Buße  —  dieser
Gedanke  ist  allerdings  die  Grundlage  jeder  streng  gewissenhaften
Sittlichkeit.  Diese  Unsterblichkeit  soll  der  Mensch  —  nicht  glauben,
denn  wer  darf  beim  Glauben  von  einem  Sollen  reden?  —
sondern  ernst  und  klar  erkennen.  Wer  den  Mut  dazu  nicht  findet,
wird  durch  die  Unsicherheit  seines  sittlichen  Verhaltens  die  Buße
zahlen.  Wie  anders  der  Glaube  an  ein  bewußtes  Dasein  nach
dem  Tode!  Unser  Wissen  über  diese  Frage  bleibt  bisher  noch
unzureichend,  sie  fällt  noch  nicht  in  das  Gebiet  des  Erkennens,
und  ebendeshalb  hat  die  Uberzeugung  von  einer  Fortdauer  nach
dem  Tode  mit  unserem  Glücke,  unserer  Tugend  an  sich  nicht  das
mindeste  gemein.  Für  schwache  oder  gemeine  Naturen  kann  der
Glaube  an  ein  Jenseits  ebensowohl  eine  Quelle  der  Unsittlichkeit
werden  wie  das  Leugnen  derselben.  Wenn  es  Menschen  gibt,

3  H.  v.  Treitschke,  Feldausgabe

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