98 —_
Und doch, so wenig befriedigend auch jener Vertrag vom
9. August 1842 gewirkt hat, seine unscheinbaren Artikel bedeuten
einen Wendepunkt im internationalen Seerecht. Triumphirend verkündeten
ihn die amerikanischen Präsidialbotschaften. Der von
den Engländern im Prinzip niemals bis dahin zugestandene, im
Genter Frieden todtgeschwiegene Satz, dass das Schiff die Territorialität
des Staates mit sich führe, dessen Flagge es trage ?7),
war den Amerikanern gegenüber, den alten Anwälten desselben,
in einem wichtigen Anwendungsfall stillschweigend concedirt worden.
Allerdings nur für Friedenszeiten, und nur für Sklavenfahrer; da
aber der Rechtsbegriff der Neutralität auf der Fortführung des
Friedensstandes mit beiden Belligerenten beruht, so war mit dem
effektiven Verzicht auf das Durchsuchungsrecht auch der alte
Impressmentstreit implicite erledigt, jedenfalls von Grossbritannien
ein schwerwiegendes Präcedens für die Freiheit der neutralen
Flagge im Seekriege geschaffen worden; und 14 Jahre darauf hat
dann die Pariser Seerechtsdeklaration die inzwischen befestigte
Rechtsanschauung in das conventionelle Völkerrecht feierlich eingeführt.
Für Frankreich, das seit Jahrhunderten gewohnt war, seine
seerechtliche Stellung zu dem grossen Rivalen jenseits des Kanals
‘nicht als die einer neutralen Macht, sondern als die eines ebenbürtigen
Gegners zu begreifen, konnte die Einräumung wechselseitigen
Aufbringungsrechts der „Negriers“ zu solchen Consequenzen,
wie sie die Amerikaner damals besorgen mochten, niemals
führen. Ob es eingerichtet wurde oder nicht, änderte an dem
gegenseitigen Verhältniss der beiden Westmächte lediglich nichts.
Wenn das Sträuben der Union, eines Sklaven haltenden Reichs,
gegen jene Einräumung sich aus den ungeheuern an der Frage
haftenden materiellen Interessen, aus den alten Erinnerungen an
den Krieg von 1812 entschuldigen oder erklären liess, so war das
Schauspiel, das nunmehr das französische Volk in den Jahren
1842—1845 bei Behandlung des grossen humanitären Anliegens
bot, ein geradezu unwürdiges. Unter dem Eindrucke des Ashburtonvertrages
wurde, nachdem im Sommer 1842 Neuwahlen
stattgefunden hatten, in Paris die Parole ausgegeben: Los von
den Verträgen von 1831/3; nieder mit dem Droit de visite! Dass
47) Im Gegensatze dazu erklärt das altenglische Recht das Schiff völkerrechtlich
durchaus als Mobilie, vgl. Hıera, Annalen 1875 S. 814.