Metadata : Bismarck. Sein Leben und sein Werk.

58  4.  Ankergrund  in  Glaube,  Liebe  und  eignem  Heim

Jahre  1843  schreibt  sie  in  einem  Briefe  an  ihren  Bräutigam:
„Ich  habe  noch  nie  Jemanden  seinen  Unglauben  oder  vielmehr
Pantheismus  so  frei  und  klar  auseinandersetzen  hören.“  „Ottos
traurige  Ansichten,  in  denen  er  selbst  sich  ja  so  sehr  unbefriedigt
fühlt,  kennst  Du  ja.  Aufrichtig  ist  er  unstreitig,  und  das  hat
ja  eine  große  Verheißung,  auch  hat  er  doch  noch  eine  gewisse
Scheu  vor  dem  blauen  Dunstgebilde,  was  er  sich  von  Gott
gemacht  hat.“  Mit  Ernst  sprach  Bismarck  mit  Frau  von  Thadden
über  religiöse  Fragen,  auch  wie  er  seit  seinem  sechzehnten  Jahre
nicht  gebetet  habe:  „er  wisse  die  Nacht  so  gut,  wo  er  es  zum
letzten  Male  getan,  und  dann  wissentlich  gelassen“.  Auch  mit
Moritz  korrespondierte  er  in  dieser  Zeit  fleißig,  sein  Glaube
erwies  sich  als  vollständiger  Pantheismus;  der  Anmaßung  der
Gläubigen,  ihre  Ansicht  für  die  rechte  zu  halten,  stellte  er  die
Größe  seines  Gottes  gegenüber,  der  sich  um  ein  solches
Stäubchen  wie  er  nicht  bekümmern  könnez  neben  seiner  vollen
Glaubenslosigkeit  lag  aber  gleichwohl  in  seiner  völligen  Gleichgültigkeit
  gegen  Freud  und  Schmerz,  in  seiner  steten  bodenlosen
  Langeweile  und  Leere  die  entfernte  Sehnsucht  nach  kräftigerem
  Glauben:  „Wie  kann  ich  denn  glauben,  da  ich  doch
einmal  keinen  Glauben  habe;  der  muß  entweder  in  mich  hineinfahren
  oder  ohne  mein  Zutun  und  Wollen  in  mir  aufschießen."“
Bei  solchen  Gesprächen  wurde  er  vor  Aufregung  auch  wohl
dunkelrot,  vertrat  lebhaft  seine  Anschauungen  und  konnte  sich
gar  nicht  losreißen,  weil  er  sichtlich  neu  und  angenehm  berührt
war,  wenn  er  bei  diesen  frommen  Leuten  die  Liebe  zu  seiner
Seele  durchfühlte,  die  unbefangene  Herzlichkeit,  gemütvoll  wie
er  war,  wohltuend  empfand,  und  er  sogar  hörte,  daß  sein  Freund
Blanckenburg  mit  der  Braut  für  ihn  betete,  daß  er  wieder
Glauben  an  die  Menschheit  bekomme.  Auch  wußte  er  von  seinem
Freunde,  daß  dessen  an  Halsschwindsucht  leidende,  früh  verstorbene
  Schwester  Hedwig  ihn  mit  der  Glut  und  der  Entsagung
  einer  zum  Tode  Bestimmten  geliebt  und  sich  nach  seiner
Bekehrung  gesehnt  habe.  Lange  noch  klangen  die  Worte  des
Freundes  in  ihm  nach:  „Die  sterbende  Seele,  die  im  Todeskampf
  liegt,  bis  sie  dich  selig  weiß.“  Und  doch  zieht  sich  bald