Full text : Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirthschaft im Deutschen Reich. Dritter Jahrgang. (3)

204  Th.  Herhta.  [204

würden,  wenn  man  ihnen  heute  ihre  Goldmünzen  entzöge  und  Silbermünzen
  statt  derselben  auflasten  würde.  Sicher  aber  ist  es,  daß  die  Engländer
  eine  solche  Vorliebe  hegen.  Diese  resoluten,  prosaischen,  aller  Sympathie
  für  die  „verfolgte  weiße  Unschuld“  baren  Leute  wären  im  Stande,
einen  Minister  zu  hängen,  der  es  wagen  wollte,  ihnen  ihre  Goldstücke  zu
nehmen  und  gegen  Silber  umzuwechseln,  mag  dieses  Silber  immerhin  für
ewige  Zeiten  auf  die  Relation  von  15½  zum  Golde  festgenagelt  werden.
Alle,  seldst  die  herzbrechendsten  Deklamationen  über  die  welterlösende  Bedeutung
  einer  solchen  Maßregel  würden  auf  taube  Ohren  stoßen.  Die
Engländer  wollen  nun  einmal  kein  Silbergeld  und  die  englische  Nation,
nicht  die  englischen  Staatsmänner  müssen  Sie  anklagen,  wenn  an  diesem
unbeugsamen  Willen  Ihre  feinsten  und  herrlichsten  Pläne  scheitern.

Warum  die  Engländer  dies  nicht  wollen?  Ich  könnte  mir  die  Antwort
  leicht  machen  und  mich  damit  begnügen,  einfach  zu  sagen,  daß  sie  es
eben  nicht  wollen,  denn  ich  glaube,  daß  ein  derartiger  Wille  einer  ganzen
Nation,  und  wäre  er  immerhin  in  sich  selbst  unbegründet,  ein  reines  Vorurtheil,
  doch  schon  deshalb  respektirt  werden  müßte,  weil  Niemand  die  Macht
bat,  diesen  Willen  zu  beugen  oder  zu  brechen.  Aber  ich  glaube,  daß  die

ngländer  vollkommen  im  Rechte  sind,  wenn  sie  das  Gold  vorziehen,  und
zwar  lassen  sich  die  Argumente,  die  für  diese  Vorliebe  geltend  gemacht
werden  können,  in  wenigen  Worten  dahin  zusammenfassen,  daß  die  Engländer
  Goldmünzen  vorziehen,  weil  diese  bequemer  find  als  Silbermünzen.
Begreifen  Sie  denn  nicht,  daß  das  genug  ist,  mehr  als  genug,  daß  es  Alles
ist,  was  eine  Nation  zur  Empfehlung  ihrer  Münzzustände  sagen  kann?  Ein
Geld  empfehlen,  das  unbequemer  ist,  als  ein  anderes,  läuft  ganz  auf  dasselbe
  hinaus,  als  wenn  Sie  ein  Nahrungsmittel  empfehlen  wollten,  das
unschmackhaft  und  minder  nahrhaft  ist,  einen  Kleidungsstoff,  der  unkleidsam
ist  und  vor  den  Unbilden  der  Witterung  nicht  schützt,  einen  Schmuckgegenstand,
  der  nicht  schön  ist,  kurz  ein  Ding,  dem  grade  jene  Eigenschaft
fehlt,  um  deren  willen  allein  es  gebraucht  wird.  Was  leistet  denn  das
Geld  dem  Menschen,  wenn  es  der  Bequemlichkeit  des  Verkehrs  nicht  dient?
Wärmt  es,  reizt  es  den  Gaumen,  befriedigt  es  den  Schönheitsfinn?"  In
Wahrheit  ist  mit  der  einfachen,  so  leichthin  behandelten  Thatsache,  daß  das
Silber  für  den  Geldverkehr  der  civilisirten  Nationen  des  Abendlandes  zu
schwerfällig,  zu  unbequem  geworden  ist,  das  Silber  als  Geld  des  Abendlandes
  gerichtet,  unwiederbringlich  auf  den  Aussterbeetat  gesetzt  und  Sie
können  grade  so  gut  für  die  Kupfer-  oder  Eisenwährung  sich  echauffiren,
ohne  schlechtern,  aber  auch  ohne  bessern  Erfolg  zu  erzielen,  als  mit  Ihrem
Echauffement  für  die  „Revindikation  des  Silbers“.

Also  die  Engländer  wollen  nun  einmal  ihre  Goldstücke  nicht  gegen
Silber  umtauschen  lassen,  sie  werden  niemals  die  große  Wechselstube  für
Edelmetall  etabliren,  die  in  Frankreich  von  1803  bis  1874  aufgeschlagen
war.  Wenn  Sie  folglich  die  Engländer  für  die  Doppelwährung  gewinnen
wollen,  so  müssen  Sie  ihnen  erstlich,  wie  ich  bereits  gesagt  habe,  beweisen,
daß  das  Gold  durch  seine  Transformation  in  „gelbes  Elektron“  an  Tauschkraft
  nichts  einbüßen  könnte,  sodann  aber  müßten  Sie  beweisen,  daß  keinerlei
Gefahr  vorhanden  ist,  die  bimetallischen  Staaten  könnten  allgemach  ihres
Vorraths  an  Cirkulationsmitteln  aus  gelbem  Elektron  beraubt  werden.