Pentsches Reich. (Febr. 13. 14.) 63
präsidenten, sei in letzter Zeit von verschiedenen Seiten — auch in der
Presse — unterstellt worden, daß er nicht mehr mit der gleichen Entschiedenheit,
wie bei seinem Amtsantritt, für die Wahlreformvorlage eintrete. Er
müsse diese Unterstellung mit aller Schärfe zurückweisen. Denn er habe sein
Wort gegeben, für die Wahlreform eintreten zu wollen, und werde dieses
Wort halten. Er erkenne zwar durchaus an, daß eine für die ganze Zukunft
Preußens und des Reiches so entscheidend bedeutungsvolle Vorlage,
wie es die preuß. Wahlreform sei, eine sehr gründliche und eingehende
Durchberatung erfordere und daher nicht in kurzer Frist erledigt werden
könne. Aber er müsse Wert darauf legen, keinen Zweifel an seinem unveränderten
Willen aufkommen zu lassen, die Reform mit allen ihm zu Gebote
stehenden Mitteln zustande zu bringen.
13. Febr. (Braunschweig.) Eröffnung des 34. o. Landtages.
Die in der durch Staatsminister Wolff verlesenen Thronrede angekündigte
Vorlage betr. die Reform des Wahlrechts für den Landtag,
deren Entwurf dem Landtage anfangs März zugeht, sieht die Einführung
des allgemeinen gleichen Wahlrechts vor, aber mit dem Erfordernis einer
gewissen Dauer des Wohnsitzes. Von den 48 Abg. sollen 30 aus allgemeinen
Wahlen, 14 aus Wahlen der Berufsstände (Landwirtschaft, Handel, Handwerk
und Arbeitertum) und die übrigen aus Wahlen öffentlicher Körperschaften
hervorgehen. Für die Stadt Braunschweig soll die Verhältniswahl
eingeführt werden.
14. Febr. Deutscher Protest an Rußland wegen der beabsichtigten
Abschiebung der in Petersburg befindlichen deutschen Kriegs= und
Zivilgefangenen nach Orenburg.
14. Febr. (Bundesrat.) Der Entw. c. Verordn. über Erleichterung
des Erlasses berufsgenossenschaftl. Unfallverhütungsvorschriften
wird angenommen.
14. Febr. Reichstagsersatzwahl.
Im Wahlkreise Koblenz-St. Goar wird für den verstorb. Abg.
Wellstein (Ztr.) der kathol. Pfarrer Greber-Koblenz (Ztr.) mit 5287
Stimmen gewählt. Der offizielle Zentrumskandidat Generalleutnant z. D.
v. Steinäcker erhält 4609 Stimmen. Greber gilt als Vertreter der Erzberger-Richtung.
14. Febr. (Preuß. Abg.-Haus.) Der Wahlrechtsausschuß beginnt
die Beratung des Gesetzentwurfs betr. die Wahlen zum Abgeordnetenhause.
Ueber die Stellung der Regierung zur Wahlrechtsreform schreibt
die „Nordd. Allg. Ztg.“ (am 15.) in einem halbamtlichen Leitartikel u. a.
Die Verhandlungen über die Wahlrechtsvorlage haben begonnen. Die Staatsregierung
ist entschlossen, nur einem Verhandlungsergebnis zuzustimmen,
das auf dem Boden der Regierungsvorlage ruht, und sie erwartet, daß ein
solches Ergebnis im Wege der Verständigung erreicht wird. Die Einführung
des gleichen Wahlrechts in Preußen verlangt nicht geringe Opfer an politischen
Ueberlieferungen von großen Parteien, die sich um den preuß.
Staat unvergeßliche Dienste erworben haben. Die Regierung fordert diese
Opfer, aber sie weiß, daß sie nicht leichten Herzens, nicht in spontanem
Entschluß gebracht werden können, sondern sich in anhaltendem Austausch
der Meinungen durchsetzen müssen. Das soll man auch im Lande, soll man