Inhaltsverzeichnis : Das Königreich Württemberg. Zweiter Band_1. (2)

Kunst  und  Wissenschaft.  Bildende  Kunst.  269

die  oberschwäbischen  großen  Klosterkirchen  durch  mächtige  Pfeilermassen,
verbunden  mit  breiten  Kuppeln  und  Tonnengewölben  wirken.  Aber
allen  gemeinsam  ist  die  Großräumigkeit  und  der  Einklang  von  Bauwerk,
Bildhauereien,  Malereien  und  Schmiedeisenarbeiten.  Am  feinsten  und
geistreichsten,  ungemein  folgerichtig  und  klar  durchgeführt  ist  die  mit
prächtigen  Malereien  (von  Knoller)  und  Stuckaturen  ausgeschmückte
Klosterkirche  zu  Neresheim,  nach  dem  Entwurf  von  Balthasar  Neumann,
der  auch  den  zur  Schönthaler  Kirche  lieferte.

Der  Beginn  des  neunzehnten  Jahrhunderts,  als  durch
die  französische  Revolution  und  Napoleon  I.  die  längst  vermorschten
alten  Formen  des  heiligen  römischen  Reiches  deutscher  Nation  vollends
zusammenbrachen,  führt  die  Ansätze  oder  vielmehr  die  Umkehr  zu  einer
neuen  Kunst  herauf,  die  sich  aber  bei  der  damaligen  Geldarmut  bei
uns  weniger  in  Bauten  als  in  Bildhauereien  und  Malereien  bethätigt.
Ein  kaltes  kahles  Zurückgehen  auf  griechische,  besonders  dorische  Formen,
verbunden  mit  großer  Sparsamkeit,  bezeichnet  die  erste  Zeit.  Nach  den
Befreiungskriegen  kommt  mit  dem  Regierungsantritt  des  Königs  Wilhelm
ein  reicherer,  aber  auch  noch  an  klassische  Muster  gebundener  Stil  auf.  Vom
Ende  der  vierziger  Jahre  an  hält  dann  die  edle  lebhafte  zierliche  italienische
  Renaissance,  bald  etwas  getrübt  durch  Einflüsse  des  zweiten
französischen  Kaiserreichs,  ihren  Einzug  —  bis  nach  den  Kriegen  von
1866  und  1870  aus  der  italienischen  Renaissance,  mitunter  durch  die
sog.  deutsche  etwas  vergröbert  und  verzerrt,  aber  unterstützt  durch  den
trefflichen  feinkörnigen  heimischen  Werkstein,  eine  Art  neuen  (Stuttgarter)
Stils  sich  herausarbeitet,  der  bei  aller  Freiheit  im  Einzelnen  doch  geschlossen
  dasteht  durch  vernünftiges  Verwenden  von  klassischen  und  Renaissance-Formen
  zu  neuen  künstlerischen  Gedanken.  Dazu  lobenswerthe
Sauberkeit  in  Ausführung  sowohl  der  Hauptformen  als  auch  des  bis
zu  großer  Feinheit  gesteigerten  Zierats,  was  einigermaßen  an  die  treffliche
  Steinmetzschule  der  alten  Stuttgarter  Renaissance  erinnert.

Nebenher  geht  in  kirchlichen  Bauten  die  Rückkehr  zum  mittelalterlichen,
  gothischen  oder  romanischen  Stil,  die  außer  der  Wiederherstellung
  mancher  mittelalterlichen  Werke  höchst  geschmackvolle  neue  schuf,
aber  doch  wieder  nur  als  der  Durchgangspunkt  nach  einer  auf  den  fortschreitenden
  Volksgeist  gegründeten  Kunst  zu  betrachten  ist.  Die  bedeutendsten
Wiederherstellungen  alter  Werke  fanden  statt  in  Maulbronn,
Bebenhausen,  Gmünd,  Lorch,  Alpirsbach  und  besonders  in  Ulm,  wo  der
Ausbau  des  Münsters  einem  halben  Neubau  gleichkommt.  Noch  muß
ein  Werk  in  maurischem  Stil,  die  Wilhelma  bei  Cannstatt,  erwähnt
werden,  auf  Wunsch  des  vorigen  Königs  in  diesem  fremdartigen  Geschmack,
doch  mit  hoher  Vollendung  erbaut.