Full text : Das Lehrlingswesen und die Berufserziehung des gewerblichen Nachwuchses.

242  Zweiter  Teil:  Das  Lehrlingswesen  in  der  Industrie.

scheint  die  Ausbildung  in  Lehrwerkstätten  besondere  Erfolge  zu  versprechen.
  Zwar  wird  in  der  Maschinenindustrie  auch  über  Mangel
an  tüchtigen  Formern  und  Modellschreinern  geklagt.  Aber  die  Heranbildung
  des  nötigen  Nachwuchses  bedarf  vielleicht  doch  nicht  derartiger
  Vorkehrungen,  wie  sie  in  den  Lehrwerkstätten  getroffen  sind.

Das  Hauptcharakteristikum  der  Lehrwerkstätten  besteht  in  der
möglichsten  Loslösung  des  Ausbildungsganges  von  den  jeweiligen
Produktionserfordernissen  des  Betriebes  und  dem  damit  wesentlich
erleichterten  Aufbau  einer  besonderen  Systematik.  Dieser  große
pädagogische  Vorteil  kann  heute  dem  Lehrling  nirgends,  auch  nicht
im  Handwerk  und  im  Handel,  geboten  werden,  außer  in  besonderen
Schuleinrichtungen.  Es  ist  auf  diese  Weise  auch  die  Möglichkeit  einer
vollen  geistigen  Durcharbeitung  des  Lehrstoffes  gegeben.

Der  Einwand,  der  vielfach  gegen  die  rein  schulmäßige  praktische
Unterweisung  von  Lehrlingen  in  Lehrwerkstätten  erhoben  wird,  da
die  Gefahr  einer  zu  geringen  Übung  in  der  Werkstattpraxis  bestehe,.
daß  die  Gründlichkeit  sich  auf  Kosten  der  Schnelligkeit  breit  mache,
kurz  daß  die  zu  geringe  Berührung  mit  der  Praxis  allerhand  Mängel
gegenüber  der  Werkstattlehre  im  Gefolge  habe,  kann  gegenüber  diesen
Einrichtungen  nicht  wohl  erhoben  werden,  denn  die  Loslösung  vom
Werkstattbetrieb  ist  niemals  eine  so  vollständige  wie  bei  rein  schulmäßigen
  Lehrwerkstätten.  Die  Lehrlinge  führen  ja  Stücke  aus,  wie
sie  im  Betriebe  jederzeit  gebraucht  werden,  sie  werden  von  Meistern
unterwiesen,  die  mit  dem  Betriebe  in  engster  Fühlung  stehen  und
deren  Bestreben  darauf  gerichtet  ist,  gerade  für  ihren  Betrieb  brauchbare
  Facharbeiter  heranzubilden.  Endlich  bleiben  die  Lehrlinge  meist
nur  einen  Teil  der  Lehrzeit  in  der  Lehrwerkstatt  und  arbeiten  nachher
in  den  Kolonnen  usw.  mit  den  Arbeitern  zusammen.

Die  Erfolge  der  Lehrwerkstätten  können  daher  von  solchen  Firmen,
die  sie  eingerichtet  haben,  nicht  hoch  genug  gelobt  werden.  Es  besteht
dort  auch  nicht  die  Befürchtung,  daß  man  die  Mühen  und  Aufwendungen
  zum  Nutzen  anderer  mache,  weil  die  Lehrlinge  sich  nachher
anderen  Betrieben  zuwendeten.  Diejenigen,  die  solche  Einwendungen
machen,  unterschätzen  doch  den  Einfluß  der  Jugendeindrücke.  Auch
weiß  man  bei  Firmen,  die  derartige  Veranstaltungen  ins  Leben
rufen,  den  tüchtigen  Facharbeiter  zu  schätzen,  so  daß  er  gern  dorthin
zurückkehrt.  #nblich  ist  in  solchen  Dingen  kurzsichtiger  Egoismus
stets  vom  Übel,  da  schließlich  alle  darunter  leiden  müssen.

ach  der  Stimmung,  die  in  den  in  Frage  kommenden  Industrien
herrscht,  darf  daher  wohl  erwartet  werden,  daß  die  Einrichtung  von
Lehrwerkstätten  gute  Fortschritte  macht.  Nur  in  der  Möbelindustrie
wird  es  vielleicht  noch  eines  kräftigeren  Anstoßes  bedürfen.