Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Zweiundzwanzigster Jahrgang. 1906. (47)

November  1900.  131

und  die  chinesische  Regierung  hat  sich  hinterher  vergeblich  bemüht,  durch
allerlei  Winkelzüge  und  Ausflüchte  und  offenbare  Unwahrheiten  diesen
klaren  Sachverhalt  zu  verdunkeln.  Mit  gutem  Gewissen  durften  wir
daher  einem  solchen  Verhalten  gegenüber  diejenigen  Maßnahmen  treffen,
die  notwendig  waren,  um  unsere  Rechte  und  Interessen  zu  schützen  und
unsere  Ehre  zu  wahren.

In  derselben  Notlage  wie  wir  befanden  sich  alle  übrigen  Regierungen,
und  zu  demselben  Werke  der  Notwehr  sahen  sich  alle  anderen  zivilisierten
Völker  gezwungen;  denn,  meine  Herren,  darüber  kann  der  ruhige,  unparteiische
  Beobachter  doch  nicht  im  Zweifel  sein,  die  jüngsten  Ereignisse
in  China  sind  weder  zurückzuführen  auf  Kiantschon  noch  auf  Hongkong:
weder  auf  Tonkin  noch  auf  Port  Arthur;  weder  auf  diese  noch  jene
fremde  Macht:  sondern  die  Krisis,  die  wir  jetzt  in  China  durchmachen,
ist  eine  Etappe,  welche  die  europäische  Kultur  überwinden
muß  in  ihrem  unaufhaltsamen  Vordringen  in  alle  Weltteile
  und  zu  allen  VBölkern.  Der  Sturm,  der  sich  jetzt  in  China
erhoben  hat,  richtet  sich  nicht  allein  gegen  Deutschland,  überhaupt  gegen
keine  einzelne  fremde  Macht,  sondern  gegen  alle  gesitteten  Völker;  er  richtet
sich  auch  nicht  allein  gegen  die  Gesandten  oder  Konsuln,  sondern  er  richtet
sich  gegen  die  Ingenicure  und  Missionare,  gegen  die  Kaufleute  und  Eisenbahnarbeiter:
  er  richtet  sich  gegen  alle  Fremden.  Es  ist  die  europäische
Zivilisation,  der  sich  zu  ihrer  Ehre  die  intelligente  und  zukunftsreiche
japanische  Nation  angeschlossen  hat;  dicse  stand  und  stcht  der  Barbarei
der  Boxerbewegung  gegenüber.

Meine  Herren,  ich  komme  nunmchr  zu  der  Frage,  die  ich  vorhin
nur  flüchtig  gestreift  habe,  nämlich  zu  der  Frage,  was  wir  in  China
wollen.  In  zwei  Worten  gesagt:  wir  wollen  in  China  keine  Politik
der  Abenteuer,  aber  wir  wollen  unsere  Interessen  und  unsere
Rechte  so  behaupten,  wic  ein  großes  Volk  seine  Interessen
  und  Rechte  und  seine  Ehre  behaupten  soll.

(Bravol)

Wir  führen  in  China  keinen  Eroberungskricg;  aber  wir  wünschen  eine
möglichst  rasche  und  möglichst  gründliche  Beilegung  der  chirnesischen  Krisis
durch  Sühne  für  die  begangenen  Untaten  und  Wiederherstellung  und
Sicherstellung  geregelter  Zustände.  Sühne  verlangen  wir  aus  dem  einfachen
  Grunde,  weil,  wenn  keine  Strafe  eintritt,  damit  ein  Freibrief
ausgestellt  werden  würde  für  ähnliche  Untaten

(sehr  richtig!),