Anschauungen und Überzeugungen der Massen. 99
Aber die verschiedenen bisher zitierten Beispiele stellen
extreme Formen dar. Zur detaillierten Begründung der Psychologie
des Prestige müßten sie an das Ende einer Reihe gestellt
werden, die von den Religions- und Staatenbegründern bis
zu den Spießbürgern reicht, welche ihren Nachbarn durch ein
neues Kleid oder eine Dekoration zu imponieren suchen.
Zwischen die entferntesten Glieder dieser Reihe hätte man
alle Arten des Prestige auf den verschiedenen Kulturgebieten:
Wissenschaft, Kunst, Literatur usw. zu stellen, und man würde
dann sehen, daß es das Grundelement der Überzeugung bildet.
Bewußt oder unbewußt wird das mit dem Prestige behaftete
Wesen — Mensch, Idee oder Gegenstand — durch Ansteckung
nachgeahmt, und es flößt einer ganzen Generation gewisse Gefühlsweisen
und Arten des Gedankenausdrucks ein. Meist ist
die Nachahmung unbewußt, und das gerade macht sie vollkommen.
Die modernen Maler, welche die blassen Farben und
starren Haltungen gewisser Primitiver erneuern, haben keine
Ahnung von der Quelle ihrer Inspiration; sie glauben so sehr
an ihre Ursprünglichkeit, daß, wenn nicht ein hervorragender
Meister diese Kunstform erneuert hätte, man an ihr nur die
naiven und untergeordneten Seiten weiter bemerkt hätte. Jene,
welche nach dem Muster eines berühmten Meisters ihre Lein-
bewältigen. Das Genie kann nicht vorsichtig sein, mit Vorsicht könnte
es den Kreis menschlicher Betätigung niemals erweitern.“
‚„. . Ferdinand von Lesseps hat den Rausch des Triumphs und
die Bitterkeit der Enttäuschungen gekannt: Suez und Panama. Hier
empört sich das Gemüt wider die Erfolgsmoral. Als es Lesseps gelang,
zwei Meere zu verbinden, da erwiesen ihm Fürsten und Völker Ehre;
heute, da er an den Felsen der Cordilleren Schiffbruch erleidet, ist er
ein gemeiner Gauner . . Das ist ein Krieg der Gesellschaftsklassen,
eine Unzufriedenheit der Bureaukraten und Beamten, die sich mittels
des Strafgesetzbuches an jenen rächen, die sich über die anderen erheben
möchten. Die modernen Gesetzgeber sind in Verlegenheit
angesichts dieser gewaltigen Ideen des Menschengeistes, das Publikum
versteht davon noch weniger, und es fällt einem Staatsanwalt leicht,
zu beweisen, daß Stanley ein Mörder und Lesseps ein Betrüger sei.“
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